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Präses der Evangelischen Kirche zum Ukraine-Krieg: „Wir müssen für den Frieden arbeiten“

Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland : „Nicht Russland führt diesen Krieg, sondern ein korruptes Regime“

Der Krieg in der Ukraine löst beim Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Thorsten Latzel, Ohnmacht und Entsetzen aus. Warum er Waffenlieferungen an die Ukraine richtig findet, die Aufrüstung der Bundeswehr aber skeptisch sieht, schreibt er in seinem Gastbeitrag.

Krieg ist etwas Schreckliches. Warum tun Menschen einander so etwas an? Das sind zwei Sätze, mit denen ich aufgewachsen bin. Meine Mutter hat sie gesagt, immer wenn sie Nachrichten von einem Krieg gesehen hat. In ihnen spiegeln sich die traumatischen Erfahrungen, die sie selbst als Kind machen musste: die Angst in Bombennächten, die sinnlos zerstörerische Gewalt, die Vertreibung, die Leichen. Jetzt ist wieder Krieg: in der Ukraine, mitten in Europa. Und wieder müssen Kinder solche schrecklichen Erfahrungen machen, die sie ihr Leben lang verfolgen und an ihre eigenen Kinder weitergeben werden. Allein schon die Bilder zu sehen, löst bei mir Ohnmacht, Fassungslosigkeit und Entsetzen aus.

„Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein!“ So haben es die Kirchen weltweit bei ihrer ökumenischen Vollversammlung 1948 formuliert. Das ist die Grundbotschaft verschiedener biblischer Verheißungen: dass einmal Schwerter zu Pflugscharen werden sollen, dass Menschen hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen, und dass Löwen bei den Lämmern wohnen. Es gibt schlicht keine Begründung dafür, ein Land anzugreifen und dessen Menschen wahllos zu töten. Wladimir Putins Versuche, diese völkerrechtswidrige Invasion zu begründen, sind selbst schon verstörende Akte verbaler Gewalt.

In den Kirchen und Gemeinden haben Menschen seit dem Zweiten Weltkrieg immer weiter intensiv an einer Friedensethik gearbeitet. An die Stelle des Leitbildes eines „gerechten Krieges“ ist das des „gerechten Friedens“ getreten. Gewaltlosigkeit und zivile Konfliktlösungen haben danach immer Vorrang. Frieden selbst wird als ein vielschichtiges Geschehen begriffen, das von Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung nicht losgelöst werden kann. Um Frieden zu erhalten, gilt es, entsprechend Gewalt abzubauen, Freiheit, Verständigung und kulturelle Vielfalt zu fördern. Und Frieden braucht Recht: unveräußerliche Rechte von Menschen, die auch gegen Staaten eingeklagt werden können. Nur im Ausnahmefall – zur Abwehr von Aggression und Zerstörung – darf es als Friedenssicherung den begrenzten Einsatz rechts­erhaltender Gewalt geben, so wie jetzt in der Ukraine. Die Friedensarbeit der letzten Jahrzehnte hat dabei gelehrt, dass wir Frieden genauso wie Demokratie niemals als selbstverständlich gegeben ansehen dürfen. Wir müssen dafür arbeiten, seine Entstehung fördern, ihn unsere Kinder lehren: „Suche den Frieden und jage ihm nach.“ (Psalm 34,15)

Foto: dpa/Daniel Reinhardt
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Und dennoch herrscht wieder Krieg. Wir müssen eine Gewalt gegen die Menschen in der Ukraine miterleben, wie sie die meisten von uns in Europa nicht mehr für möglich gehalten hätten. Doch dabei ist wichtig zu unterscheiden: Nicht Russland führt diesen Krieg, sondern ein korruptes Regime, das seiner eigenen Bevölkerung elementare Rechte und Informationen vorenthält. Meine hohe Achtung gilt den Demonstrantinnen und Demonstranten, die es wagen, sich in Russland dem entgegenzustellen. Wir müssen uns davor hüten, alte Feinbilder zu befördern und einfach alle Kontakte zu Russland oder zur russischen Zivilbevölkerung zu kappen. Die Evangelische Kirche im Rheinland etwa pflegt seit mehr als dreißig Jahren eine Versöhnungsarbeit mit der Stadt Pskow. Das gilt erst recht für den Kontakt zu russischstämmigen Menschen hier bei uns.

Dieser Krieg ist eine Zäsur. Jetzt ist alles dafür zu tun, aus der Gewalt herauszukommen. Echte Gespräche sind notwendig. Ich halte die massiven Sanktionen für richtig, auch wenn darunter wieder die Ärmsten am stärksten leiden müssen. Und in dieser Extremsituation eines hemmungslosen, anders nicht zu stoppenden Aggressors ist es für mich legitim, die Fähigkeit der Ukraine zur Selbstverteidigung zu stärken. Zugleich bin ich erschrocken, wie schnell jetzt friedenspolitische Positionen verändert werden, etwa im Blick auf bewaffnete Drohnen und die Teilhabe an atomarer Abschreckung. Einfach Militärausgaben zu steigern, ist nicht die Lösung. Wir brauchen Verteidigungsfähigkeit, vor allem aber brauchen wir zivile Konfliktlösungen und Strukturen, die Frieden dauerhaft stärken und erhalten.

In vielen Kirchen werden jetzt Friedensgebete und Andachten abgehalten, um für die Menschen in der Ukraine und für ein Ende der Gewalt zu beten. Die Diakonie sammelt Spenden, leistet professionelle Hilfe, steht im engen Kontakt mit den ökumenischen Partnern in der Ukraine und an der Grenze des Landes. Die Gemeinden bereiten sich auf die Aufnahme und seelsorgliche Begleitung der Menschen vor, die zu uns kommen. Gerade in der Ohnmacht, mit der wir die Gewalt miterleben müssen, hilft es, Gott um seine Hilfe anzurufen, wo wir mit unseren Möglichkeiten nicht mehr weiterwissen. Mir selbst helfen dabei oft die Gebete, in denen die Mütter und Väter unseres Glaubens früher ihre Hilflosigkeit und ihre Sehnsucht nach Frieden ausgedrückt haben. Etwa Verse aus einem Lied von Jürgen Henkys:

Gib Frieden, Herr, gib Frieden, die Welt nimmt schlimmen Lauf. Recht wird durch Macht entschieden, wer lügt, liegt obenauf. Das Unrecht geht im Schwange, wer stark ist, der gewinnt. Wir rufen: Herr, wie lange? Hilf uns, die friedlos sind.

Gib Frieden, Herr, gib Frieden: Denn trotzig und verzagt hat sich das Herz geschieden von dem, was Liebe sagt! Gib Mut zum Händereichen, zur Rede, die nicht lügt, und mach aus uns ein Zeichen dafür, dass Friede siegt.

Gott schütze alle Menschen, die unter diesem Krieg leiden. Gott schaffe Frieden, auch wo wir nicht mehr weiterwissen. Und Gott stärke uns darin, jetzt den Geflüchteten zu helfen und für einen gerechten Frieden zu arbeiten.