Kirchenkrise im Erzbistum Köln Am Aschermittwoch ist Woelkis Auszeit vorbei

Köln · Nach fünfmonatiger Auszeit wird Kardinal Rainer Maria Woelki als Erzbischof wieder nach Köln zurückkehren. Zunächst nur mit einem Fastenhirtenbrief. Wir haben prominente Gläubige um ihre Meinung zur Rückkehr gebeten.

 Kardinal Rainer Maria Woelki.

Kardinal Rainer Maria Woelki.

Foto: dpa/Rolf Vennenbernd

Nach der Demo ist vor der Demo, zumindest in Köln. Und so wird es nach der Friedensdemo vom Rosenmontag eine weitere Kundgebung vor dem Kölner Dom geben. Diesmal richten sich die Proteste gegen die Rückkehr von Kardinal Rainer Maria Woelki.

Vorgesehen ist sie nach seiner geistlichen Auszeit für den Aschermittwoch, und ursprünglich sollte ein Gottesdienst im Kölner Dom der Auftakt sein. Darauf aber wird der Erzbischof verzichten, da er nicht möchte, dass der traditionsreiche „Aschermittwoch der Künstler“ von den „aktuellen kirchenpolitischen Spannungen überschattet“ werde, wie es unlängst hieß.

Kurz zuvor hatte Woelki auch seine Teilnahme am ökumenischen Gottesdienst am Vorabend des ersten Fastensonntags in der evangelischen Johanneskirche in Düsseldorf abgesagt. Dabei lässt er sich von Weihbischof Rolf Steinhäuser vertreten, der als Apostolischer Administrator noch das Erzbistum leitet.

Schien die Düsseldorfer Absage noch darauf hinzudeuten, dass der Kardinal möglicherweise nicht mehr an die Spitze des Erzbistum zurückkehren werde, scheint inzwischen sicher zu sein, dass sein Verzicht auf die Messe im Dom nur eine Verzögerung seines ersten öffentlichen Auftretens sein wird. So informierte Steinhäuser die Beschäftigten des Erzbistums Köln in einem Brief, dass Kardinal Woelki seinen Dienst als Erzbischof am 2. März wieder antreten werde.

Zudem wurde Kardinal Woelki in der vergangenen Woche mit dem Münsteraner Bischof Felix Genn im Vatikan gesehen auf dem Weg in Richtung des vatikanischen Gästehauses Santa Marta. Dort sollen Gespräche mit Papst Franziskus geführt worden sein – über die Zukunft von Erzbistum und Erzbischof.

Bischof Genn ist als einziger deutscher Würdenträger Mitglied der einflussreichen römischen Bischofskongregation, die sich zu den Vorgängen in Köln zumeist über ihren Präfekten Marc Ouellet in die Debatte um Köln und Woelki immer wieder eingeschaltet hat. Genn ist zudem dienstältester Bischof der Kölner Kirchenprovinz und laut Kirchenrecht dazu verpflichtet, mögliche Anzeigen einer erzbischöflichen Pflichtverletzung an den Vatikan zu melden. Dies soll sowohl Anfang Dezember 2020 als auch im Mai des vergangenen Jahres geschehen sein. Die jüngste Unterredung im Vatikan wird als das Bemühen um eine Verständigung der Bischöfe und die Wegbereitung einer Rückkehr Woelkis gedeutet.

Die Rückkehr nach fünfmonatiger Auszeit wird nicht mit einem öffentlichen Auftritt signalisiert. Zunächst bleibt es bei einer „schriftlichen Ankunft“. Kardinal Woelki will sich am Aschermittwoch in einem Fastenhirtenbrief an die Gläubigen des Erzbistums wenden. Das Schreiben steht dann im Kontrast zur Demonstration vor dem Dom, zu dem um 10 Uhr auf der Domplatte die Initiative von Maria 2.0 aufgerufen hat. Das Motto lautet: „Stoppt Machtmissbrauch und Vertuschung in der katholischen Kirche“.

Zur Rückkehr von Kardinal Woelki haben uns vier engagierte Christen des Erzbistums ihre Einschätzung geschrieben:

 Verena Schäffer, Fraktionsvorsitzende der Grünen im NRW-Landtag,

Verena Schäffer, Fraktionsvorsitzende der Grünen im NRW-Landtag,

Foto: dpa/Roland Weihrauch

Verena Schäffer, Fraktionsvorsitzende der Grünen im NRW-Landtag: „Die katholische Kirche steht in der Verantwortung, die sexuelle, physische und psychische Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in kirchlichen Einrichtungen und durch ihre Repräsentanten schonungslos aufzuklären. Es muss Konsequenzen für die Täter geben ebenso für diejenigen, die die Taten gedeckt oder zumindest nicht genau hingeschaut und eine Aufklärung verhindert haben. Die Missbrauchsopfer verdienen die Anerkennung des ihnen zugefügten Leids, das sowohl durch die erlebte Gewalt als auch durch den massiven Vertrauensbruch vertrauter Respektspersonen entstanden ist. Die Verbrechen an den Kindern und Jugendlichen dürfen nicht als Einzeltaten abgetan werden, sie konnten in der Institution Kirche begangen werden. Die Kirche ist in der Pflicht, für echte Aufklärung zu sorgen, den Betroffenen Hilfsangebote zu machen und für Transparenz bei den Entschädigungszahlungen sorgen. Nur eine Aufarbeitung des strukturellen Versagens ermöglicht in Zukunft einen besseren Schutz vor Missbrauch.“

Peter Bringmann-Henselder,Sprecher Betroffenenbeirat Erzbistum Köln:

 Peter Bringmann-Henselder, Mitglied im Betroffenenbeirat für sexualisierte Gewalt im Erzbistum Köln.

Peter Bringmann-Henselder, Mitglied im Betroffenenbeirat für sexualisierte Gewalt im Erzbistum Köln.

Foto: Oliver Berg / dpa

„Wir begrüßen es, wenn Kardinal Woelki sein Amt wieder aufnimmt. Leider wird aber medial in die andere Richtung Stimmung gemacht. So wird immer wieder gesagt, dass er die Auszeit wegen der Missbrauchsaufarbeitung nehmen musste, was nicht der Wahrheit entspricht, denn tatsächlich war es wegen der mangelhaften Kommunikation. Die Aufarbeitung wurde ausdrücklich gelobt, was wir seitens des Beirats nur bestätigen können. Durch die Falschaussagen ehemaliger Beiratsmitglieder, die von einigen Medien aufgegriffen wurden, ist eine komplett negative Stimmung erzeugt worden, die nicht den Tatsachen entspricht. Wenn es um echte Aufklärung geht, und nur darum geht es uns, dann ist Köln als Vorreiter zu sehen (erster Betroffenenbeirat, erstes ungekürztes und ungeschwärztes Gutachten). Was fehlt, ist der faire Umgang mit den einzelnen Personen. Offenbar hat man nur noch ein Ziel vor Augen: Woelki muss weg! Schade, dass man einen solchen Tunnelblick hat.“

 Tim Kurzbach, Vorsitzender des Diözesanrates im Erzbistum Köln.

Tim Kurzbach, Vorsitzender des Diözesanrates im Erzbistum Köln.

Foto: Peter Meuter

Tim Kurzbach, Vorsitzender des Diözesanrates im Erzbistum Köln: „Im Erzbistum Köln herrscht über alle Strömungen, egal ob alt oder jung, eine große Einigkeit, dass dieses System enden muss. So darf die Kirche nicht weiter existieren. Aber dafür muss man jetzt Probleme lösen und das wird erschwert durch Kardinal Woelki, der in eine Auszeit gegangen ist, ohne dass auch nur ein einziges Problem gelöst worden ist.  Wenn Kardinal Woelki „einfach so“ wiederkommt und alle, die dieses kaputte Machtsystem stützen, bleiben, dann führt dies in eine Kernschmelze unseres Erzbistums. Es wäre doch ein echtes schwerwiegendes Armutszeugnis, wenn wenige Erzkonservative andere aus der Kirche vertreiben wollten, weil sie deren Argumenten nicht gewachsen sind. Hoffen wir es nicht, aber wenn es das Ziel wäre, diejenigen, die zu ihrer Kirche stehen, die sich kritisch engagieren, aus der Kirche zu drängen, damit nur ein heiliger Rest bleibt, kann ich nur sagen, mich und die vielen getauften und gefirmten Frauen und Männer, die schwer an einer Erneuerung arbeiten, kriegen sie aus der Kirche nicht raus. Bei einer kürzlich erstellten repräsentativen Umfrage stand die katholische Kirche bei der Vertrauensfrage an drittletzter Stelle. Das ist dramatisch in einer Zeit, in der wir eine wertefundierte Organisation bräuchten, die ihre Stimme für das Leben und für die Schwächeren erhebt. Wir spüren doch alle, wie das gesellschaftliche Leben immer rauer wird. Wie wichtig ist da eine Instanz, die mahnend die Stimme hebt. Aber die katholische Kirche schreddert sich in dieser Phase selbst. Je mehr wir uns mit einem Erzbischof Woelki auseinandersetzen müssen, je mehr wir mit Skandalen zu kämpfen haben und so lange niemand Verantwortung für den Missbrauch übernimmt, haben wir nicht die Kraft dafür.“

 Maria Mesrian, Sprecherin von Maria 2.0 im Rheinland.

Maria Mesrian, Sprecherin von Maria 2.0 im Rheinland.

Foto: picture alliance / Geisler-Fotopress/Christoph Hardt/Geisler-Fotopres

Maria Mesrian, Sprecherin von Maria 2.0 Rheinland: „Über 90 Prozent der Menschen  können sich eine Rückkehr Kardinal Woelkis nicht vorstellen. Aber was heißt das? In meinen Augen bedeutet das:  Sie lehnen eine Kirche ab, die autoritär von oben nach unten durchregiert. In der Partizipation nur scheinbar stattfindet. Die Menschen lehnen eine Leitung ab, die sich dringend notwendigen Reformen konsequent verschließt und die nicht in der Lage ist, den Betroffenen sexualisierter Gewalt Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Ein Exodus hat begonnen. Mit ihrer  Selbstgerechtigkeit und ihrer Verantwortungslosigkeit raubt die Kölner Klerikerelite zukünftigen Generationen Kirche als den Raum, in dem Glauben gemeinsam gelebt werden kann. Es liegt nun in der Hand der Menschen, diese scheinbare Macht nicht mehr zu akzeptieren und den Gehorsam und die Gefolgschaft zu verweigern. Die Glaubwürdigkeit haben die mächtigen Männer längst verloren, einzig das Geld hält das bröckelnde Gebäude aus Lügen und Vertuschungen noch aufrecht.“

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