Kritik "El Camino": So gut ist der "Breaking Bad"-Film - Spoiler-frei

Spoilerfreie Kritik von „El Camino“ : Ein würdiges Ende für Jesse Pinkman

Sechs Jahre nach dem Ende von „Breaking Bad“ wird die Serie durch einen zweistündigen Netflix-Film ergänzt. So ist „El Camino“ – spoilerfrei.

Am Ende ging es ganz schnell. Rund sechs Jahre ist die Ausstrahlung der 62. und letzten Episode von „Breaking Bad“ inzwischen her. Seit dem 29. September 2013 sind 2203 Tage vergangen, das sind mehr als 50.000 Stunden, rund 3 Millionen Minuten, beinahe 200 Millionen Sekunden. Doch als kaum noch jemand damit rechnete, kamen Gerüchte über einen Film auf, der die Saga zum Abschluss bringen sollte. Klugerweise erst vor anderthalb Monaten kündigte Netflix „El Camino – ein ‚Breaking Bad’-Film“ offiziell an, und seit Freitagmorgen ist er abrufbar.

Der zweistündige Film schließt nicht direkt ans Ende der vielleicht besten TV-Serie der Geschichte an. Damals hatte Walter White (Bryan Cranston) mit einem ferngesteuerten Maschinengewehr die Neonazi-Gang massakriert, die zuvor seinen ehemaligen Schüler Jesse Pinkman (Aaron Paul) als Drogenkoch versklavt hatte. Walter starb Minuten später an einer Schusswunde, Jesse aber konnte fliehen – im schicken 1978er Chevrolet El Camino des höflichen, pummeligen Psychopathen Todd (Jesse Plemons). Auch darauf bezieht sich der Filmtitel – vor allem aber lässt sich das spanische „El Camino“ als „der Weg“ übersetzen. Denn um Jesse Pinkmans Weg zurück ins Leben geht es.

Den Film im Extra-Breitbild-Format beginnt Autor und Regisseur Vince Gilligan mit einer ruhigen Szene, einem Flashback mit Fan-Liebling Mike Ehrmantraut (Jonathan Banks). „Ich biege alles gerade!“, nimmt sich Jesse vor, für seine Zeit nach dem Ausstieg aus dem Drogengeschäft. Antwort des müden Profikillers: „Nein. Das ist das einzige, was nicht möglich ist.“ Aber Jesse ist Jesse – starrköpfig, traumatisiert und vor allem kein schlechter Mensch. Er leidet nicht nur unter seinem eigenen Trauma der Gefangenschaft, sondern auch unter seinen Verbrechen, die - teils direkt, teils indirekt - viele Menschenleben gekostet haben. Er will alles hinter sich lassen, seine Freiheit zurückgewinnen, ein neues Leben beginnen. Wichtiger noch aber: Zuvor ein wenig von seiner Schuld abtragen. Und sich rächen an den Bösewichten, die noch übrig sind.

Den Film zu drehen war ein Wagnis; die Erwartungen sind so hoch, dass Hardcore-Fans praktisch nur enttäuscht werden können. Aber das Ergebnis ist gut. Keine Wünsche bleiben offen. Viele Charaktere tauchen noch einmal auf. Nicht alle; aber alle, deren Wiederauftauchen sich rechtfertigen lässt, weil es inhaltlich sinnvoll ist.

Selbstredend sind die typischen filmischen Stilmittel zu sehen – Zeitraffer-Aufnahmen, Überblendungen, Montagen, ungewöhnliche Perspektiven. Handlung und Dialoge sind auf gewohnt hohem Niveau: mal hochspannend, mal emotional, oft düster, teils auch abstrus witzig. Der Plot ist nicht übervoll, das Tempo variiert angenehm. Viel, aber nicht zu viel Nostalgie ist im Spiel. Paul füllt seine Paraderolle stark aus. Zwei, drei Details sind gar sensationell, eine gewisse Schneekugel etwa.

Danach stellt sich die Frage: Und jetzt? Dieser Film sollte eine einmalige Sache bleiben, das Kapitel TV-Geschichte „Breaking Bad“ endgültig beendet sein. Gut, dass man die Serie immer wieder sehen kann. Und das Spin-Off „Better call Saul“ zur Vorgeschichte des Halbwelt-Anwalts Saul Goodman (Bob Odenkirk). Ganz anders, viel langsamer erzählt, weniger actionreich und krass. Psychologischer, realistischer – aber ebenfalls exzellent.

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