Tönisvorst: Striptease auf dem Klavierhocker

Tönisvorst: Striptease auf dem Klavierhocker

Heimspiel für Ass-Dur: Benedikt Zeitner, die schöngeistige Hälfte des musikalischen Kabarett-Duos, stammt aus Krefeld. Auf Einladung des Stadtkulturbundes spielte Ass-Dur vor ausverkauftem Haus.

Gut 550 Menschen sitzen am Samstagabend im ausverkauften Corneliusforum in St. Tönis. Dem Duo Ass-Dur, das seit elf Jahren mit Musik-Comedy durch die Republik tourt, eilt ein guter Ruf voraus. Etliche Kabarett- und Comedy-Preise haben die beiden in den vergangenen Jahren verliehen bekommen. Aber nicht bei jedem kommt das Programm "2. Satz - Largo maggiore" gut an. Einige Längen und ein paar flache Witze zu viel trüben die Stimmung.

Wäre das Programm eine halbe Stunde kürzer, wäre es vermutlich perfekt, denn der 34-jährige Opernsänger Benedikt Zeitner, der aus Krefeld stammt, und der 32-jährige Dominik Wagner, der in München aufwuchs und in Berlin Opernregie studiert hat, sind ohne Zweifel hervorragende Musiker und humorvolle Menschen. Auch haben sie ihre Rollen gut verteilt. Zeitner gibt den Schöngeist, der sich gut ausdrücken kann, ein enormes Wissen hat und Wert auf Haltung legt.

"Ich habe Operngesang an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin studiert, davor bereits Philosophie, Romanistik und Kirchenmusik. Ich bin staatlich geprüfter Heilpraktiker, Schwerpunkt Homöopathie, Kinesiologie und Hypnosetherapie. Ich spreche Deutsch, Englisch, Italienisch, Spanisch, habe Grundkenntnisse in Französisch, Russisch und Mandarin", stellt Zeitner sich vor. Auch ein Segelschein, ein Surfschein und ein Tauchschein tauchen noch auf. Als Dominik Wagner sich vorstellt, sagt er: "Hallo, ich bin Dominik."

Während Benedikt auf einem Barhocker sitzend die Rolle des Moderators, der immer mal wieder ein Lied anstimmt, übernimmt, sitzt Dominik am Klavier, begleitet die Lieder und gibt flapsige Bemerkungen oder Witze zum Besten ("Wie ist die E-Mail-Adresse vom Papst? Urbi@orbi.").

Auch Benedikt kommt nicht ungeschoren davon. "Schade, dass von deiner Zielgruppe wieder keiner da ist", bemerkt Dominik, als sein Partner sich in Musiktheorie verliert. Witze gibt es auch auf Kosten der Spielstätte. "Wir beginnen mit einem Gospelsong", sagt Benedikt, das seien Lieder aus der Sklaverei und der Armut, "Musik für Menschen, die auf nichts mehr hoffen dürfen, außer auf Gott. Also genau die richtige Musik für Tönisvorst".

Richtig stark ist Ass-Dur, wenn die Musik im Mittelpunkt steht. Aus Michael Jacksons "Billie Jean" wird eine Hymne auf das Billy-Regal eines Möbelhauses, die Melodie von "We are the Champions" wird in Mozarts "Kleine Nachtmusik" eingebaut und Beethoven wird der Fangesang "Ihr könnt nach Hause fahr'n" untergejubelt. Auch Franz Schuberts Wintereise nimmt das musikalische Duo sich vor. Aus "Drüben hinterm Dorfe steht ein Leiermann" wird kurzerhand "Hier kommt der Eiermann".

Beeindruckend sind auch die verschiedenen Versionen vom "Bi-Ba-Butzemann", das mal als Schlager, mal als Heavy-Metal-Song und mal als Hip-Hop gesungen wird. Allerdings kommen die hochintellektuellen theoretischen Einführungen, die den Stücken vorausgehen, beim Publikum nicht gut an. Die stärkste Nummer ist die letzte: Während eines Klavierspiels wechseln die Protagonisten bis auf die Unterwäsche komplett die Kleidung. Mindestens zwei Hände sind dabei immer an der Tastatur und treffen die richtigen Töne, und das sogar mit dem Rücken auf dem Hocker liegend und blind kopfüber spielend.

(WS03)