Tattoo-Gottesdienst in Solingen

Außergewöhnlicher Gottesdienst in Solingen : Was Tattoos über das Leben erzählen

Ein ungewöhnlicher Gottesdienst erwartet die Besucher der evangelischen Kirche in Widdert am 24. Februar.

Einst brachte man sie mit bärbeißigen Seeleuten oder Rockern in Verbindung. Inzwischen haben Tattoos ihr halbseidendes Image bekanntlich längst verloren, und Angehörige nahezu jedes gesellschaftlichen Milieus tragen ihre Herzensmotive spazieren. Nun nimmt sich auch die evangelische Kirchengemeinde in Widdert der Körperbilder an. „Kein Lebensbezug ist schließlich frei von religiösen Bezügen“, betont Pfarrerin Kristina Ziegenbalg.

Mit seinem speziellen Tattoo-Gottesdienst am 24. Februar wolle das Projektteam Offenheit schaffen für „Gedanken, die Menschen mit ihren Tattoos verbinden“. Über die sollen ihre Träger während des Gottesdienstes berichten – ganz gleich, ob die gestochenen Motive nun der bloßen Verschönerung dienen sollten, an Idole und Bezugspersonen erinnern oder ein Lebensmotto zum Ausdruck bringen. Die Brücke zur Bibel will Ziegenbalg mit einem kurzen Impuls schlagen. Als prominenten Gast hat sie Sängerin Judith van Hel gewonnen, manchen Fernsehzuschauern bekannt als Finalistin der Show „The Voice of Germany“. Der Besuch kommt wohl nicht zuletzt auch durch familiäre Kontakte zustande: Die gebürtige Wermelskirchenerin mit sichtbarer Affinität zu Tattoos ist die Schwester von Jonas Dubowy, der in der Widderter Kirche als Musiker aktiv ist. Auch sie soll im Gotteshaus über ihre Körperbilder sprechen – und natürlich live singen.

Und in einem Nebenraum wird sogar eine Tätowiererin ihrem Handwerk nachgehen – mit gelegentlicher Live-Schalte in den Innenraum. Ein Kandidat, soviel verrät Ziegenbalg schon, soll dabei ein Kreuz als ständigen Wegbegleiter erhalten. Sie wolle „Barrieren einreißen und Vorurteile abbauen“, bekräftigt die Pfarrerin – durchaus im Bewusstsein, dass es auch kritische Anmerkungen zum Konzept gibt: „Was ist, wenn meine Tochter nach dem Gottesdienst auch ein Tattoo haben will, obwohl wir dagegen sind?“ sei zum Beispiel eine Frage von Eltern an sie gewesen, berichtet die Pfarrerin. „Warnt Ihr auch vor den Gefahren des Tätowierens?“ habe ein anderes Gemeindemitglied wissen wollen. „Ja, aber eher am Rande“, gibt Ziegenbalg gleich die Antwort.

Natürlich müsse die Entscheidung für ein Tattoo allein schon wegen seiner praktisch ewigen Haltbarkeit wohl überlegt sein. Im Mittelpunkt stünden aber die Motive von Menschen, die eine Interviewrunde zutage fördern soll. Thomas Förster, Pressepfarrer des Evangelischen Kirchenkreises, pflichtet ihr bei: „Es geht ja schließlich nicht um Werbung“, betont er und bewertet den Tattoo-Gottesdienst als „spannenden Ansatz“.

In ihrer Entscheidung für Schwerpunkte ihrer Gottesdienste sind die Kirchengemeinden in der Klingenstadt grundsätzlich eigenständig. Im Hinblick auf die Liturgie beschreitet die Gemeinde in Widdert – mit rund 1600 Mitgliedern übrigens die kleinste im evangelischen Kirchenkreis Solingen – schon seit längerer Zeit neue Wege. Auch in die Lebensgeschichte der Menschen spreche Gott hinein, bekräftigt Kristina Ziegenbalg.

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