1. NRW
  2. Städte
  3. Ratingen

Der Ratinger Hans Müskens erinnert sich an Kartoffelferien

Kartoffelernte in Ratingen : Literarische Erinnerungen an die Kartoffelferien

Der Ratinger Hans Müskens beschreibt sehr einfühlsam, wie mühselig die Erntezeit früher für die Kinder war. Am ganzen Feld entlang standen die kleinen und großen Helfer wie aufgereiht. Hermann und Willi nahmen einen Korb zwischen sich. Jetzt ging es los.

Hermann ging seit Ostern ins zweite Schuljahr. Die Sommerferien waren längst vorüber. Fast jeden Tag war er an die Anger zum Baden gegangen. Jetzt freute er sich auf die Herbstferien. „Nächste Woche gibt es Kartoffelferien“, hatte Fräulein Schmitz, die Klassenlehrerin, verkündet. „Wir treffen uns am Montag um 8 Uhr auf dem Schulhof. Dann gehen wir gemeinsam nach Tiefenbroich.“

Zunächst verstand Hermann gar nichts. Kartoffelferien? Tiefenbroich? Was sollte das? Dann erklärte Fräulein Schmitz: „Wir müssen den Bauern beim Einsammeln der Kartoffeln helfen. Das schaffen die nicht alleine. Zieht euch dicke Schuhe an und bringt einen Regenschutz mit.“

Hermann stieß seinen Freund Willi an und flüsterte: „Findest du das gut?“ - „Och, ja“, flüsterte der zurück, „vielleicht sind die Ferien dann nicht so langweilig!“

Am Montag um 8 Uhr waren alle aus der Klasse pünktlich auf dem Schulhof. Auch einige Mütter kamen mit. In Zweierreihe wanderten sie Richtung Tiefenbroich und überquerten die Bahnstrecke. Nicht weit davon war der Schimmershof. Den kannte Hermann schon vom Milchholen. Am Tor wartete Bauer Paas auf die Erntehelfer. „Na, dann man los! Kommt hinter mir her!“

Mit großen Schritten ging er zu einem riesigen Feld, auf dem ein eigenartiges Gerät stand, das die Kartoffeln aus dem Feld rupfte und die Knollen zur Seite schleuderte. „Das ist ein Kartoffelroder“, erklärte Bauer Paas. „Passt auf, dass ihr ihm nicht zu nahe kommt. Und jetzt an die Arbeit. Immer zwei Kinder nehmen sich einen Korb und sammeln die Kartoffeln ein. Aber keine Steine und keine Dreckklumpen!“

Am ganzen Feld entlang standen die kleinen und großen Helfer wie aufgereiht. Hermann und Willi nahmen einen Korb zwischen sich. Jetzt ging es los. Kartoffel für Kartoffel  kam in den Korb. Ganz schnell war er voll. Die beiden Jungen schleppten ihn an den Feldrand, um die Kartoffeln in Säcke zu kippen. Schon ging es wieder zurück. Furche für Furche erledigten die Kinder. Und das Feld war lang. „Mensch, das Feld wird immer länger“, schimpfte Willi. Die Hände und die Knie taten ihm weh und auch der Rücken vom ständigen Bücken. Hermann und Willi sahen sich an: „Das sind ja schöne Ferien!“

Nur mit einer kurzen Unterbrechung arbeiteten sie durch bis von Ferne aus dem Turm von St. Peter und Paul das Mittagsläuten zu hören war: „Pause!“, tönte es laut über das Feld. Die Kinder und die Erwachsenen ließen sich am Feldrand auf leere Kartoffelsäcke fallen. Frau Paas und einige Mägde brachte dicke Brotstullen, Milch und Malzkaffee in großen Blechkannen. Nach der Pause ging es weiter und auch am nächsten Tag. Dann ging es auf das nächste Kartoffelfeld.

Nach zwei Wochen waren alle Kartoffel geerntet. Das Kartoffelkraut lag auf großen Haufen. Am letzten Abend wurden sie angezündet zu  lodernden Kartoffelfeuern. Ganz Tiefenbroich leuchtete. Die Kinder warfen Kartoffeln in die Glut und nach einiger Zeit waren die „Erdäpfel“ geröstet. „Hm, lecker, nur ein bisschen heiß“, meinte Hermann und holte sich mit einem Stöckchen noch eine gebratene Kartoffel aus der Glut. Irgendwann hieß es: „Alle zum Bauernhof!“

„Jetzt kommt das Beste“, Willi zwinkerte Hermann zu. Woher der das wusste? Alle Erntehelfer hatten sich in einer langen Reihe vor einem Tisch aufgebaut, hinter dem der Bauer saß und jeden einzelnen ansah: „Wie viele Tage warst du auf dem Feld?“ Als Hermann an die Reihe kam, antwortete er: „14 Tage!“ „Dann bekommst du für jeden Tag eine Mark. Hier, unterschreib!“ Und der Bauer schob ihm die Liste mit den Namen hin.  Hermann kritzelte seine Unterschrift auf das Blatt. Zu Willi, der gerade  sein Geld in die Hosentasche steckte, meinte er: „Freust du dich am Montag auf die Schule?“ Willi spürte die Münzen in der Tasche und lachte: „Kartoffelferien sind gar nicht so schlecht!“