Neuss: Neusser Band rockt hinter Gittern in Köln

Neuss : Neusser Band rockt hinter Gittern in Köln

Johnny Yuma and The Hot Rods begeistern mit ihren Coversongs die Insassen der JVA Köln. Demnächst reisen die Neusser in die USA.

Johnny Cash tat es, B.B. King und Joan Baez folgten, und Metallica wärmten es 30 Jahre, später wieder auf – das Rock-Konzert hinter Gittern. Auch wenn das Bonmot "Ohne die Musik säße ich heute im Knast" Johnny Yuma & The Hot Rods sicher nicht auf die Figur geschneidert ist, baut die Neuss-Essener Country n' Roll-Band am Montag ausgerechnet in der JVA Köln ihre Verstärker auf. "Das haben wir dem Promoter Reiner Vielmal zu verdanken, der uns vor ein paar Jahren im Hard Rock Café in Köln erlebt hat und meinte ,Hört mal, Ihr müsst in den Knast!'", erinnert sich Johnny Yuma alias Andi Kallenbach lachend.

Foto: Daniel Brinckmann

Für eine Band, die noch im Vorjahr auf musikalischem Truppenbesuch im afghanischen Kundus war (die NGZ berichtete), eigentlich keine große Hausnummer. Als die Wagenkolonne vor der hohen Betonmauer zum Stehen kommt, drei Einlassschleusen passiert und Handys und Personalausweise abgegeben sind, schleicht sich aber doch Unsicherheit ein. Wie viele Insassen werden kommen? Wie wird die Stimmung sein? Auf solche Fragen gäbe es im Vorfeld keine Antworten, erklärt Wolfgang Bösl, der als Freizeitkoordinator der JVA das Kulturprogramm für etwa 1200 Straftätern abwickelt. "Die männlichen Insassen sind in Cliquen organisiert, und wenn spezielle Leute meinen, das ist nichts, dann wird das nichts mit der Stimmung." Kabarettist Jürgen Becker packte unlängst schon nach einer halben Stunde wieder seine Sachen.

Foto: Daniel Brinckmann

Als um viertel vor sechs die Lichter ausgehen, versammeln sich aber immerhin 80 Zuhörer auf den Klappstühlen im Theatersaal, der einem Uni-Hörsaal ähnelt – wenn auch mit dem Licht und der Akustik einer Turnhalle. Aber Gefängnis ist nun mal Gefängnis. Mit dem Johnny Cash-Doppel "Ghostriders" und "Folsom Prison Blues" erwischen die Hot Rods einen schwungvollen Einstieg. Auch wenn Frontmann Johnny Yuma ob der ungewohnt verhaltenen Reaktionen die eine oder andere Unsicherheit nicht ganz überspielen kann, läuft die Rockabilly-Maschine von Anfang an sauber und kommt auch bei knackigeren Beats wie Elvis' "Blue Suede Shoes" nicht mal ansatzweise ins Straucheln. Spätestens nach einem Drittel des Sets und mit JJ Cales schmissiger Narkotika-Hymne "Cocaine" haben Johnny & The Hot Rods praktisch gewonnen.

Foto: Daniel Brinckmann

Auf bekannte Coversongs des 1950er-Ur-Rock n' Rolls, die Swinging Sixties und Altmeister Cash zu setzen, ist eine clevere Entscheidung. Eine, die ohne Charme und Seele der Band allerdings nicht viel wert wäre – beiden sind die "harten Jungs" am Ende mehr erlegen als der Hitdichte. Ob ein Liedtext wie der von "Rusty Cage" (rostiger Käfig) sein Zielpublikum erreicht, blieb offen. Doch selbst wenn der eine oder andere HipHop-Fanatiker vielleicht nur die Titelmusik von "Bonanza" heraushört: Den glockenklaren Läufen von Reverend Jenkins Telecaster-Gitarre, dem wabernden Walking Bass von Claus Coxx und dem mal leichtfüßigen, mal deftig akzentuierten Spiel von Schlagzeuger Derrik T. kann sich kaum jemand wirklich entziehen.

Und da ist dann natürlich noch Geheimwaffe Johnny Yuma. Wo andere Rockabilly/Country n' Roll-Sänger näseln oder nölen, brüllt er wie ein Löwe. Allerdings immer mit Seele. Und das kommt an. Wenn irgendetwas nur mäßig funktioniert, dann der Versuch, den englischen Stahl von Iron Maiden in eine swingende Lounge-Version umzusetzen. Da gehören begeisterte Zwischenrufe à la "Spielt ,Jailhouse Rock", "Bösl ist der Beste" oder auch Naseweisiges wie "Das hat Johnny Cash von den Nine Inch Nails gecovert" aber schon zum Standard. Eben diese schwermütige Ballade, Cashs letzter Chart-Hit "Hurt" sorgt für andächtige Stille im Saal, bevor Chuck Berrys flotter Rock n' Roll-Klassiker "Johnny B. Goode" die Stimmungskurve schnell wieder nach oben bringt – ebenso wie einen "Gastsänger".

Als dann nach mehr als 20 Coversongs und der einzigen Eigenkomposition "Loaded Gun" wieder alle Lichter angehen, wechseln gar ein paar CDs den Besitzer. Als Präsent, versteht sich. Denn die Besucher selbst sind schon priviligiert. Gleiches gilt für die Freizeit-Team "Bildung" der JVA, das sich aus Insassen rekrutiert (auch weiblichen, die auch bei der Auswahl von Bands mitmischen. "Wir sind ja 23 Stunden pro Tag in unseren Zellen, da ist es ein echtes Geschenk rauszukommen und auch mal mit weiblichen Insassen sprechen zu können", berichtet Oliver (26), der seit eineinhalb Jahren in Haft ist. "Vor allen Dingen kann man dann auch mal über private Sorgen sprechen, mal davon abgesehen, dass mir dieses Konzert auch sehr gut gefallen hat."

Ein junges Publikum, das mit den Füßen abstimmt, mit Songs zu begeistern, die teilweise 70 Jahre auf dem Buckel haben, ist die beste Visitenkarte, die sich eine Band wünschen konnten. Das nächste Konzert in der JVA Köln ist entsprechend auch schon in Planung – dann allerdings vor den weiblichen Insassen. Ob "Brings" oder "Zeltinger Band", "Gun Barrel" oder "Gentleman" – die JVA führt mit etwa 30 Konzerten im Jahr die bundesweite Statistik an.

(NGZ)
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