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Skandalfleisch in Neuss: Veterinäramt sperrt 23 Tonnen Lasagne

Skandalfleisch in Neuss : Veterinäramt sperrt 23 Tonnen Lasagne

Eine beispiellose Rückrufaktion sorgt für ein volles Kühlhaus in Neuss. Eine Firma aus dem Münsterland belieferte offenbar Lidl und Rewe mit verunreinigten Gerichten. Erste Untersuchungsergebnisse werden Dienstag erwartet.

"Palette gesperrt!": Unübersehbar sind die Kartons markiert, die sich im "Kühlhaus Düsseldorf" in Neuss drei Etagen hoch stapeln. Ihr Inhalt: Lasagne Bolognese - vermutlich mit Pferdefleisch versetzt. 45 Paletten, jede ist 512 Kilogramm schwer, hat das Veterinäramt des Rhein-Kreises Neuss bereits gesperrt. Und täglich wird dieser Berg größer. Denn jedes Paket aus der verdächtigen Tranche, das über das Kühlhaus Düsseldorf an die Zentrallager des Lebensmittel-Einzelhandels ausgeliefert wurde, muss das Unternehmen im Kundenauftrag deutschlandweit wieder einsammeln. Es ist eine beispiellose Rückrufaktion.

"In 28 Jahren habe ich Vergleichbares nie erlebt", sagt Thomas Lemmerholz. Er ist Inhaber und Geschäftsführer dieses Unternehmens und damit Besitzer des größten "Kühlschranks" der Region mit Temperaturen von minus 22 Grad. "Natürlich werden wir permanent vom Veterinäramt überwacht", sagt Lemmerholz. Aber die Veterinäre wären im normalen Geschäft mit täglich 800 ein- und ausgelagerten Paletten nicht verpflichtet, Proben zu nehmen. Ob sich das ändert?

Drei positive Befunde

Der Skandal weitet sich in NRW aus. Montag wurde nun auch bei amtlichen Kontrollen nicht deklariertes Pferdefleisch in Lebensmitteln entdeckt. Laut Verbraucherschutzministerium NRW gibt es bislang drei positive Befunde. In der vergangenen Woche seien insgesamt rund 150 Proben in NRW genommen worden, 22 seien bisher ausgewertet, 19 davon negativ. "Weitere Auswertungen erwarten wir noch in dieser Woche", erklärte ein Sprecher des Ministeriums.

Das in einigen Nudelgerichten der Supermarktketten Rewe und Lidl vermutete Pferdefleisch könnte von einem Lieferanten aus dem Münsterland stammen. Ein Sprecher der Firma Hilcona erklärte gestern, dass Rohware für ihr verdächtiges Produkt "Combino Tortelloni Rindfleisch" vom Fleischproduzent Vossko aus Ostbevern stamme. Lidl hatte das Nudelgericht am Freitag aus den Tiefkühlregalen genommen, weil es in Verdacht steht, Pferdefleisch zu enthalten. Hilcona kündigte daraufhin die Zusammenarbeit mit dem Fleischlieferanten. Vossko ist auch der Lieferant von Rewe, wo in den beiden Fertiggerichten "Rewe Chili con carne 350g" und "Rewe Spaghetti Bolognese 400g" Pferdefleisch vermutet wird. Die betroffenen Produkte werden derzeit in drei unabhängigen Laboren auf Spuren von Pferdefleisch untersucht. Die ersten Ergebnisse der Analysen werden heute erwartet.

NRW-MInister fordert Durchgeifen der Bundesregierung

Nach der Verständigung der Verbraucherminister von Bund und Ländern auf härtere Sanktionen gegen Lebensmittelbetrüger forderte NRW-Verbraucherschutzminister Johannes Remmel ein energisches Durchgreifen der Bundesregierung. Ministerin Ilse Aigner (CSU) müsse "ihren Worten jetzt endlich Taten folgen lassen", sagte der Grünen-Politiker. NRW habe schon mehrfach auf eine verbesserte Kennzeichnung bei Fleischprodukten gedrängt. Remmel: "Die Umsetzung ist dann immer an der mangelnden Bereitschaft von Ministerin Aigner oder an der Intervention der Unions-Bundestagsfraktion und bestimmter Lobbygruppen gescheitert."

Sein Ministerium stelle im Internet ab sofort eine Übersicht über Produkte zur Verfügung, die in letzter Zeit wegen nachgewiesener Spuren oder wegen des Verdachts auf Falschetikettierung aus dem Handel genommen worden seien. Die Liste soll ständig aktualisiert werden. "Der Skandal hat derartige Dimensionen angenommen, dass jeden Tag neue Produkte genannt werden", so Remmel. Bislang hätten die Verbraucher jede Firmenseite einzeln aufrufen müssen. Mit der bundesweit ersten Internet-Übersicht zum Pferdefleisch-Skandal könne sich der Konsument nun viel leichter orientieren. Der Minister bedauerte, dass sich der deutsche Lebensmittelhandel weigere, selbst eine solche Internetseite einzurichten. Auf der Liste des NRW-Umweltministeriums sollen alle öffentlichen Rückrufe, Verkaufsstopps und Maßnahmen der Unternehmen mit Sitz in Nordrhein-Westfalen aufgeführt werden, die einen direkten Zusammenhang mit dem Fleischskandal haben.

Kühlhaus-Inhaber Thomas Lemmerholz sagt aber entschieden: "Wir haben uns als Unternehmen nichts vorzuwerfen." Seine Spedition sei nicht Eigentümer der Ware, habe "die Faltschachteln nicht gefüllt und nicht deklariert". Er zählt Kühlhaus Düsseldorf zu den Unternehmen, die nun in den Fokus geraten, ohne verantwortlich zu sein. Jeden seiner 20 Mitarbeiter habe er angewiesen, dass "jedes Kilo da zu bleiben hat, wo es ist - auf einem gesperrten Lagerplatz". Wann die Lieferung freigegeben wird, entscheide allein das Veterinäramt, stellt Lemmerholz klar, doch das endgültige Ziel der Waren glaubt er zu kennen: "Das wird sicher alles vernichtet."

Hier geht es zur Bilderstrecke: Skandal-Fleisch lagert in Neusser Kühlhaus

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