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Neuss: Neue Konzepte gegen die Altersarmut gesucht

Neuss : Neue Konzepte gegen die Altersarmut gesucht

"Tag der sozialen Gerechtigkeit": In den Gemeinwesenzentren der Stadt wird eine zunehmende Zahl Hilfebedürftiger registriert.

Die Zahl der Hilfesuchenden steigt. Ob in der Schuldner- oder Arbeitslosenberatung, ob Alleinerziehende oder Hartz-IV-Familien, ob Jung oder Alt — der Bedarf an Beratung und Unterstützung wächst. Das ist das Ergebnis einer Umfrage der NGZ bei einigen Gemeinwesenzentren in der Stadt anlässlich des heutigen "Tages der sozialen Gerechtigkeit".

Neuss: Neue Konzepte gegen die Altersarmut gesucht
Foto: Woitschützke, Andreas (woi)

"Altersarmut ist für uns ein ganz großes Thema", sagt Paul Petersen, einer der beiden Leiter des Bürgerhauses Erfttal. Insbesondere viele Frauen müssten von einer minimalen Rente leben und kämen kaum über die Runden. "Viele von ihnen scheuen sich, staatliche Hilfen anzunehmen", sagt Petersen. Die meisten hätten die Einstellung "Ich tue ja nichts dafür, dann steht mir auch nichts zu".

Vier Prozent der über 65-Jährigen in Neuss stehen im sogenannten Grundsicherungsbezug. In Erfttal liegt die Quote bei elf Prozent. Oder in absoluten Zahlen: Circa 500 der hier lebenden Menschen erhalten diese Leistung, die der Höhe von Hartz-IV-Bezügen entspricht. "Das ist schon beschämend, was wir unseren älteren Mitbürgern zumuten", sagt Petersen. Verschärft werde die Situation dadurch, dass viele der alten Menschen in Hochhäusern leben, die in katastrophalem Zustand seien. "Renditeorientierte Unternehmen, denen die Gebäude gehören, kümmern sich nicht", so Petersen. Schimmel, verwahrloste Flure, kaputte Aufzüge — das sei oft der Alltag. "Wenn ich mir etwas wünschen dürfte zum ,Tag der sozialen Gerechtigkeit', dann wären es neue Lösungen für das Thema Altersarmut", sagt Petersen, der eine Auflösung nachbarschaftlichen Miteinanders beobachtet. Folge: eine zunehmende Vereinsamung gerade der Älteren — und nicht selten psychische Probleme.

Dass die Zahl der Hilfebedürftigen mit psychischen Erkrankungen wächst, diese Erfahrung macht auch Stephan Butt, Leiter der Familien- und Jugendhilfe der Diakonie Neuss. Das Spektrum reiche von Depressionen bis hin zu schizoiden Persönlichkeitsstörungen. Die Diakonie Neuss leistet in den unterschiedlichsten Bereichen soziale Arbeit. "Der Klientenstrom reißt nicht ab", sagt Butt. In der Schuldnerberatung gebe es mittlerweile Wartezeiten von mehreren Monaten, die Mitarbeiter in der Arbeitslosenberatung würden regelrecht überhäuft mit Anfragen, und die Streeetworker bekämen die Probleme von Obdachlosen oder Drogenabhängigen direkt auf der Straße mit. Grundsätzlich sei Neuss in der sozialen Arbeit aber nicht schlechter als andere Kommunen aufgestellt, so Butt.

Eine Einschätzung, die Ruth Braun, stellvertretende Geschäftsführerin beim Sozialdienst katholischer Frauen (SkF), teilt: "Die finanziellen Mittel für die sozialen Dienste sind zu stark auf die Kommunen abgewälzt worden." Der SkF leistet vor allem Sozialarbeit für Familien und Kinder. Vom heutigen Aktionstag wünscht sie sich: "Gesamtgesellschaftlich müsste soziale Arbeit mehr anerkannt werden."

(NGZ/rl)