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Neuss: Marlene Zilias feiert mit "Die stumme Jule" Premiere im Theater am Schlachthof

Premiere in Neuss : Aus dem Leben einer „stummen Jule“

Das erste selbstverfasste Solostück von Marlene Zilias feierte jetzt Premiere im Theater am Schlachthof. Dabei überzeugte vor allem die musikalische Bandbreite. Einziger Wermutstropfen waren die Zeitsprünge.

Marlene Zilias ist am Theater am Schlachthof (TaS) eine feste Größe, vor allem dank ihrer Vielfachbegabung. Und weil der künstlerische Leiter des Theaters, Markus Andrae, Eigeninitiative und Selbstverwirklichung stark fördert, wurde die junge Schauspielerin und studierte Musikerin nun auch zur Autorin und Sängerin in der vom TaS gepflegten Musiktheatersparte. Ihr erstes selbstverfasstes Solostück „Die stumme Jule“ feierte jetzt Premiere.

Frau Jule will ihr scheinbar durchschnittliches Dasein verlassen, träumt davon, im Rampenlicht zu stehen und bewirbt sich bei der Casting-Show „Singsingsing“. Beim Vorsingen versagt jedoch ihre Stimme. Das ist aber schon alles, was mit dem Titel „Die stumme Jule“ zu verbinden ist. Im Klartext: Zeitsprünge machten den Zuschauern im ausverkauften TaS das Leben schwer, eine Story zu erkennen. Mal ist sie das 13 Jahre alte Mädchen, der die Mutter pubertäre Erotik verbietet, mal gestandene Flugbegleiterin bei einem Billigflieder – immerhin darf sie Orangensaft im Publikum verteilen. Einziges Requisit auf der Bühne ist eine Kiste, die als Hocker oder Abfalleimer für halb gegessene Bananen, ja sogar als Kotzkübel dient. Dort verschwinden auch die diversen Telefone, die zu so mancher Gesprächsorgie herhalten müssen. Die Regisseurin Marika Rockstroh hat nicht nur viel Tempo in das Stück gebracht, sondern auch versucht, die schlichte Geschichte durch Komik aufzuhellen.

Am Ende machte letztlich doch alles Sinn. Denn „Die stumme Jule“ ist Musiktheater und scheinbar abwegige Teile der Geschichte führten zu Songs: Gleich 16 zumeist bekannte Titel baut Marlene Zilias in das Stück ein – und singt sie mit schöner, klarer Stimme, die bis zum Ende des Mammutprogramms vollkommen hält. Als Flugbegleiterin widmet sie „allen Männern, mit denen ich je ein Verhältnis gehabt habe“, Whitney Houston’s „I will Always Love You“, ihren Traum vom Schlittschuhlaufen erfüllt der „Winter“ von Toni Amos. Bekannte Standards wie „Hit the Road, Jack“ (Ray Charles), „All That Jazz“ aus dem gleichnamigen Film mit der Musik von Ralph Burns folgen in schnellem Wechsel. „In My Head“ geht es rund bei den vielen Telefongesprächen, am Ende wird alles gut: „Just the Two of US“ (Grover Washington). „Que sera“ von Doris Day singt das Publikum in der Zugabe begeistert mit. Das „Thank You for the Music“ (ABBA) gibt der Meinung der Zuschauer lebhaft Ausdruck.

Zu selten nutzte die studierte Violinistin ihre Geige zu Intermezzi. Nun war das Musiktheater ein „Solo zu Zweit“. Maren Donner war nicht nur Schauspielpartnerin, sondern zuallererst höchst versierte Begleiterin am Keyboard. Sie sang gelegentlich mit ebenfalls frischem Sopran eine zweite Stimme. Besonders abwechslungsreich wurde es, wenn sie auf dem Akkordeon begleitete. Mit diesem Instrument wurde „No Time to Sleep“ von Tina Dico zu einem der einfühlsamsten Songs.