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Dietmar Neumann lebte nach dem Zweiten Weltkrieg zwei Jahre mit seiner Familie in einem Bunker in Neuss.

Erinnerungen an die Kindheit : In Neuss zum „Bunkerkind“ geworden

Dietmar Neumann (83) wohnte nach dem Zweiten Weltkrieg zwei Jahre mit seinen Eltern und seiner Schwester im Bunker an der Adolf-Flecken-Straße. Daran hat er auch viele gute Erinnerungen.

Dietmar Neumann steht vor dem großen mit Graffiti besprühtem Hochbunker an der Adolf-Flecken-Straße und lächelt. Zwei Jahre seiner Kindheit hat der 83-Jährige dort verbracht, größtenteils in Dunkelheit. Neumann war ein Vertriebener, seine Heimat eigentlich ein Dorf bei Schwerin. Doch als sein Vater 1948 aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückkehrte, entschloss sich die Familie, wegzugehen. „Mein Vater ging zuerst allein. Und wenn man uns fragte, mussten wir Kinder sagen, dass er uns verlassen hatte, damit man uns in Ruhe ließ“, erzählt Neumann. Über Flüchtlingslager bei Lübeck, Siegen und Hülchrath, kam die Familie im Mai 1949 nach Neuss. Dort eine Wohnung zu finden, war unmöglich. Zu viele waren zerstört. Und so wurden die Neumanns wie viele andere auch im Bunker an der Adolf-Flecken-Straße untergebracht.

„Meine Eltern bekamen zwei Zellen im Keller zugewiesen, eine war ungefähr sieben bis acht Quadratmeter groß“, sagt Dietmar Neumann. Türen gab es keine, denn der Bunker war ja dafür gebaut worden, möglichst vielen Menschen bei einem Bombenangriff schnell Schutz zu gewähren. Im Bunker war es dunkel und kalt, auch im Sommer, geschlafen wurde dort auf Pritschen, Decken waren Mangelware, Tische und Stühle gab es auch nicht. „Wir sind evangelisch. Meine Mutter ist damals zu einem evangelischen Pfarrer gegangen und hat ihn um Decken gebeten. Doch er hatte keine. Daraufhin ging sie zum katholischen Pfarrer, der ihr welche gab“, so der 83-Jährige.

Er kann sich noch gut daran erinnern, wie er sich an sonnigen Tagen erst einmal an das Tageslicht gewöhnen musste, wenn er aus dem Bunker kam. Und er denkt noch oft an seinen Klassenkameraden Hans, der ihn fragte, wie er denn im Bunker seine Hausaufgaben mache. „Auf der Pritsche auf meinen Knien sagte ich und konnte am nächsten Tag bei ihm zu Hause einen Tisch und zwei Stühle abholen“, sagt er. Die Frischluftzufuhr wurde im Bunker über Schächte geregelt, gekocht wurde in einer Gemeinschaftsküche. Im Erdgeschoss des Bunkers war eine Rot-Kreuz-Station, die rund um die Uhr besetzt war.

Gern erinnert sich der 83-Jährige, der eine Maurerlehre machte, an zwei junge Frauen, die die „Bunkerkinder", wie sie genannt wurden, regelmäßig ins Marienheim an der Kapitelstraße einluden, um mit ihnen zu spielen. „Und sie backten immer Kuchen. Das war herrlich", sagt er. Auch eine ältere Dame aus dem Sudetenland, die in einer Nachbarzelle untergebracht war, kümmerte sich um den kleinen Fritz. Sie war Sprach- und Musiklehrerin und nahm ihn 1951 einmal mit in die Oper nach Düsseldorf. Ein nachhaltiges Erlebnis. „Diese Frau hat mich später dazu ermuntert, neben meiner Lehrzeit ein Abendgymnasium in Düsseldorf zu besuchen", erzählt Neumann.

Das blieb nicht ohne Folgen, denn Fritz Neumann wechselte den Beruf und ging zur Kriminalpolizei. Als die Familie nach zwei Jahren „Bunkerzeit" schließlich eine Wohnung an der Gartenstraße zugewiesen bekam, hatte, er, so sagt er, zum ersten Mal das Gefühl, dass Neuss seine neue Heimat werden könnte. Und das wurde es, auch wenn er später nach Kaarst zog – „aber immerhin direkt an der Grenze zu Neuss", sagt er und lacht.