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Chronist des Dritten Reiches in Hilden

Hilden : Literarischer Chronist und Zeitzeuge

Manfred Franke ist mit 90 Jahren verstorben. Der Journalist und Schriftsteller hat seine Kindheit und Jugend in Hilden verbracht und literarisch verarbeitet.

Manfred Franke wurde 1930 im rheinischen Haan geboren und ist in Hilden aufgewachsen, Nach dem Abitur auf dem Helmholtz-Gymnasium studierte er ab 1951 Germanistik, Neuere Geschichte, Deutsche Volkskunde und Philosophie an den Universitäten in Marburg und Frankfurt am Main. 1957 wurde er mit einer Arbeit über den „Schinderhannes in der deutschen Volksüberlieferung“ in Frankfurt/Main promoviert. Danach arbeitete er bis 1963 für den Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart. Von 1963 bis 1993 war er Redakteur beim Deutschlandfunk in Köln. Seit 1993 war er als freier Schriftsteller tätig. Am 4. Juli ist er in Marburg mit 90 Jahren gestorben. 2009 wurde Manfred Franke zur „Nacht der Jugend” um den 9. November nach Hilden eingeladen. Sein 1973 erschienener Roman „Mordverläufe“ gilt als eines der wichtigsten Werke der 1970er Jahre über die „Reichskristallnacht“.

Experimenteller Dokumentarismus“ beschreibt seinen Stil treffend. Seine Collage spielt in einer namenlosen Kleinstadt. Später wurde sie als Hilden enttarnt. Hier wurden in der Pogromnacht vom 9./10. November 1938 sieben Menschen ermordet. So viele wie kaum nirgends sonst gemessen an der Einwohnerzahl (22.000). Franke macht den Schrecken von alltäglicher Gewalt erfahrbar, von Fremdenhass und Feigheit, von Mut und Verdrängung – mit einer damals völlig neuen Mischung aus Dokumenten, Recherche-Ergebnissen und Erinnerungen. Das Buch gleitet zwischen Fakten und Fiktionen ständig hin und her.

2012 war Manfred Franke wieder in Hilden. Er las in der Stadtbücherei aus seinem autobiografischen Roman „Unterwegs zum neuen Lebenslauf: Eine Wiederholung“. „Ein Seniorenabend war’s“, erzählte er damals unserer Reporterin: „Überwiegend Bekannte und Weggefährten aus Hildener Zeiten.“ Franke webt in seine Geschichte familiäre und persönliche Momente in Kriegszeiten und Erlebnisse als Student und Berufsanfänger hinein. Er schildert seine jugendliche Experimentierfreude nach dem Krieg, das neue Lebensgefühl, verbunden mit Debattierlust, mit dem Aufsaugen literarischer und musikalischer Einflüsse aus dem Ausland. Man taucht ein in den Strom der Zeitgeschichte, mit der sich Franke mit journalistischem Geschick, Humor, und altersweise auseinandersetzt. Und als erfahrener Journalist fesselt er gekonnt den Leser, besonders mit den Episoden des Alltags in den 1930er und 1940er Jahren.

Eine gezielte nationalistische Erziehung bestimmte seinen Weg von der Grundschule bis zum Gymnasium. Als „Pimpf“ bei der Hitlerjugend endet einmal sein Protest gegen Drill, Mutproben und Heldentum mit dem Degradieren. Der Fähnleinführer reißt ihm die rot-weiße Schnur vom Braunhemd ab. Anschaulich lesen sich die Kapitel über seinen weit verzweigten Familienclan und das Ambivalente seiner Familie gegenüber politischen Strömungen. „Mein Vater, völlig unpolitisch, fühlte sich gezwungen, Konzessionen zu machen“, erzählt Franke. Im Gegensatz zur Mutter, die durchaus gläubig und positiv dem Regime gegenüberstand.

Faszinierend und amüsant zugleich ist auch sein Artikel „Das Rheingold – Die Selbsterfindung des Erfinders Heinrich Hermann Kurschildgen“ im Hildener Jahrbuch 1993. Er hat die unglaubliche Geschichte des selbsternannten Hildener Goldmachers recherchiert und mit einem Augenzwinkern spannend erzählt.

Manfred Franke hat die letzten Jahre in Marburg gelebt und offenbar bis zuletzt geschrieben. Auf seiner Homepage stehen einige Kapitel über das Leben seiner Frau Ilse, die 2005 in Bad Neuenahr gestorben ist. Jetzt kehrt Manfred Franke nach Hilden zurück. Die Trauerfeier mit anschließender Urnenbeisetzung findet im engsten Familienkreis auf dem Hauptfriedhof in Hilden statt.