Schlaganfall: Krankenhaus bildet Helfer aus

Versorgung in Moers: So lange dauert die Erholung von einem Schlaganfall

270.000 Menschen erleiden jährlich in Deutschland einen Schlaganfall. Während die akute Versorgung gut aufgestellt ist, mangelt es oft an der Nachsorge. Das St.-Josef- Krankenhaus arbeitet an einer besseren Betreuung.

Es ist Nelkensamstag. Draußen regiert der Karneval, drinnen leidet Joachim Emmer unter starken Kopfschmerzen. Seine Frau Ingrid drängt ihn dazu, sich ins Krankenhaus einliefern zu lassen. Angesichts des Karnevalstreibens ist es jedoch schwer, einen freien Rettungswagen aufzutreiben. Schließlich erreicht Emmer das Bethanien- Krankenhaus. In der Nacht erleidet er einen Schlaganfall.

"Ich war erst 51 Jahre und stand voll im Leben." Emmer sitzt an seinem Wohnzimmertisch und berichtet von dem Moment, der alles veränderte. 23 Jahre ist das nun bereits her, doch es geht ihm immer noch nahe. Vorher war Emmer leitender Angestellter beim Moerser Brendow-Verlag. Der gelernte Schriftsetzer war viel im Außendienst unterwegs, fuhr im Jahr bis zu 80.000 Kilometer. "Mir hat meine Arbeit sehr viel Spaß gemacht, vor allem der Kontakt mit den Menschen", sagt Emmer. Mit dem Schlaganfall erleidet er eine Halbseitenlähmung, auf die zweite Reha folgt ein automatischer Rentenantrag. "So ganz hat er sich mit seinem Schlaganfall bis heute nicht abgefunden", sagt Ingrid Emmer über ihren Mann.

Rund 270.000 Menschen erleiden jährlich in Deutschland einen Schlaganfall. Bis zu 40 Prozent der Betroffenen sterben innerhalb eines Jahres, 64 Prozent der überlebenden Patienten bleiben auch nach zwölf Monaten noch pflegebedürftig.

"Vor 25 Jahren war der Schlaganfall noch ein Stiefkind der Medizin, seitdem ist viel passiert", sagt Mario Leisle von der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe. Zu Emmer meinten die Ärzte damals noch, dass das Verlorene nicht wiederkomme. Heute weiß man mehr. Das Gehirn sucht sich neue Wege. "Akut ist man heute gut versorgt, doch in der Nachsorge gibt es noch Verbesserungsmöglichkeiten. Oft sitzen die Patienten dann alleine zu Hause, erhalten nicht die nötige Hilfe", sagt Leisle. Die Stiftung unterhält 23 Regionalbüros und arbeitet mit Partner-Kliniken im ganzen Land zusammen.

Im St.-Josef-Krankenhaus ist der Chefarzt zugleich Regionalbeauftragter der Schlaganfall-Hilfe. Hier existiert eine sogenannte "Stroke Unit", eine Spezialstation für Schlaganfallpatienten. Als Leiter der regionalen Stiftung Neurooffensive setzt sich Professor Elmar Busch zudem für die langfristige Unterstützung von neurologisch Erkrankten ein. "Nach der Klinik werden die Patienten häufig alleine gelassen. Manche geraten dann unter die Räder", sagt er. Um das zu verhindern, werden bald vor Ort Schlaganfall-Helfer ausgebildet. Ehrenamtliche sollen den Betroffenen unter die Arme greifen, ihnen die Rückkehr ins Leben erleichtern. In Moers beginnt die erste Ausbildung am 10. März. Darüber hinaus organisiert die "Neurooffensive" den Tag der neurologischen Selbsthilfegruppen und jedes Jahr im Mai einen eigenen Spendenlauf.

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Bei Familie Emmer setzte Ingrid damals den ersten Impuls. Nach dem Schlaganfall ihres Mannes habe sie von Nachbarn erfahren, dass in Moers eine Schlaganfall-Selbsthilfegruppe existiert. "Zunächst bin ich alleine hingegangen, mein Mann wollte davon nichts wissen", berichtet sie. "Ich wollte ihn damit auch nicht belasten". Ein Therapeut gab ihr jedoch den Anstoß, es nicht gut sein zu lassen. "Er sagte damals zu mir, ich solle meinen Mann nicht mit Samthandschuhen anfassen, er müsse zurück ins Leben". An Weihnachten kam Joachim Emmer dann erstmals mit. Er ist nun regelmäßig dabei. Seit 2013 leitet er die Selbsthilfegruppe.

"Die Selbsthilfegruppe für Schlaganfall-Betroffene ist sehr aktiv", lobt auch Professor Busch. Einmal im Monat trifft sich die Runde zu Vorträgen, Ausflügen oder einfach nur zum Gedankenaustausch bei Kaffee und Plätzchen. Joachim Emmer kümmert sich um das Organisatorische, Ingrid Emmer sorgt für das leibliche Wohl. "Gelistet sind 50 Personen, es kommen meist so 20. Oft zu zweit, manche aber auch alleine", berichten die beiden. Die Gruppe richtet sich sowohl an die Betroffenen als auch an deren Angehörige.

"Wir wollen Wege aus der Isolation und Resignation aufzeigen", heißt es im Flyer der Gruppe. An jedem dritten Freitag im Monat kommen die Mitglieder zusammen, tauschen sich aus und bestärken sich gegenseitig. Joachim Emmer hat den Schritt zurück ins Leben gemeistert. "Ich gehe heute wieder mit meiner Frau in den Bergen wandern", berichtet er stolz. Sie ergänzt gleich: "Ich passe immer auf, dass er es nicht übertreibt."

Die Ausbildung zum Schlaganfall-Helfer beginnt am 10. März und zieht sich über 40 Stunden an Wochenendterminen. Infos gibt es im Schlaganfallbüro im St. Josef Krankenhaus unter 02841 1072207 oder per Mail: regina.ozwirk@st-josef-moers.de.

(mlat)