Moers: Lebenshilfe von Madame Medusa

Moers : Lebenshilfe von Madame Medusa

In den letzten Jahren habe ich ihn gemieden, den Kirmeswagen der Madame Medusa. Für Wahrsagerei und Aberglaube hatte ich nie viel über. Humbug. Ihr plüschiges Orakel durch den Perlenvorhang zu betreten, kostet mich Überwindung.

Schweren Herzens rücke ich die 15 Euro raus und lege meine rechte Hand auf den Tisch. Medusa fängt gleich an zu plaudern. Seit Jahren kommt sie zur Moerser Kirmes, bekommt Besuch von den immer gleichen Stammkunden. Ich höre ihr kaum zu. Vielmehr versuche ich, unauffällig irgendwelche faulen Hilfsmittelchen im Wagen zu erspähen. Doch hier gibt es nur Lametta und einen Traumfänger.

Medusa nimmt einen Zeigestock, der mich an ein Essstäbchen erinnert. "Konzentration, Fräulein", sagt Medusa ernst. Was in den folgenden zehn Minuten geschieht, hatte ich nicht erwartet. Dass ihr Mann hereingeplatzt und sich über das Parkknöllchen beschwert, das sie ihm vorhergesagt hatte, finde ich noch witzig. Auch dass sie mir eine lange Lebenslinie, gute Gene und beruflichen Erfolg aus der Hand liest, beeindruckt mich nicht. Ob es Standardaussagen gibt, frage ich sie — und schäme mich sofort. Ihre hellblauen Augen schauen mich tadelnd an. Unbeirrt fährt sie fort. Nett ist sie, die Madame.

Doch schon nach wenigen Berührungen mit dem Stöckchen auf meiner Handfläche wird sie mir unheimlich. Ihre Kommentare über mein Privat- und Liebesleben werden schärfer, sind erstaunlich treffend. Ohne zu fragen, scheint sie beinahe alles zu wissen. Und dabei hatte ich es ihr schwer machen wollen, mit Fragen nach den Lottozahlen und dem Osteseewetter ihr Konzept zu druchkreuzen war mein Plan. Das traue ich mich nun nicht mehr.

Mir ist mulmig: Woher weiß sie das alles? Wie habe ich mich verraten? In Gedanken gehe ich unser Gespräch durch. Auch der Energiestein, den ich mir zum Abschied aus einer Schale nehmen durfte, bringt keine Erleuchtung. Vielleicht muss ich im nächsten Jahr wiederkommen, um Antworten zu bekommen.

(kno)
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