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darum ist die Kirmes in Sevelen so besonders

Wegen Corona findet in diesem Jahr die Veranstaltung nicht statt : Die Kirmes der Herzen

Freitag würde der fünftägige Festreigen beginnen. In diesem Jahr fällt das Fest wegen der Bestimmungen aufgrund der Corona-Pandemie aber aus. Dabei konnte bisher die Sevelener doch nichts erschüttern. Ein Rückblick mit viel Herzblut.

Sie ist nicht die größte Kirmes am Niederrhein und muss es auch gar nicht sein. Es gibt keine riesige Auswahl an Fahrgeschäften bei der Kirmes in Sevelen, so dass man nicht weiß, wie man sich entscheiden soll. Stattdessen gibt es Traditionen vom Erbsensuppenessen bis Eierbraten und natürlich das Herzstück: das Zelt, in dem sich die Dorfgemeinschaft trifft und feiert.

Die Sevelener lieben ihre Kirmes. Normalerweise wäre sie am Freitag gestartet. Die Bestimmungen aufgrund der Corona-Pandemie lassen das in diesem Jahr nicht zu.

Aber die Sevelener lassen den Kopf nicht hängen, sondern schwelgen in Erinnerungen. Und davon gibt es reichlich. Und nichts konnte bisher die Kirmes erschüttern, überhaupt gar nichts. Da war zum Beispiel das Jahr 1986. Deutschland stand in der Fußball-Weltmeisterschaft gegen Argentinien im Endspiel. „Deutschland hat verloren gegen die Hand Gottes, Diego Maradona“, erinnert sich Willi Fronhoffs. „Ich bin auch Fußball-Fan, aber die Kirmes geht doch vor“, stellt er klar. 1986 war er Minister, 1992 selber Schützenkönig. Sein Vater war schon König, sein Sohn Christoph war 2012 König.

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Dann gab es das Jahr 1997. Der festliche Umzug durch den Ort musste um eine Stunde verschoben werden, „weil viele zu Hause noch Wasser aus dem Keller schöppen mussten“, erinnert sich Fronhoffs an den Starkregen, der allerdings auch nicht der Kirmes den Garaus machen konnte.

Freitag wäre sie also gestartet. Die Jungschützen hätten die Maien gefahren, um die Residenzen und Straßenränder festlich zu schmücken. Auch die Rückwand des Zeltes wird mit Grün und Röschen dekoriert. „Dann fängt die Kirmes an“, sagen die Sevelener. „Um 24 Uhr kocht das Zelt“, sagt Paul Hagmans. 1983 hat er „den Vogel abgeschossen“ und ist so Schützenkönig geworden, 1991 und 2011 war er Minister. Jede Kirmes hat zwei Könige, einen aus Sevelen, einen aus der Bruderschaft Oermten und einen Festkettenträger. Dazu kommen noch Minister und Adjutanten und natürlich die Ehefrauen und Ehemänner oder Freund und Freundin. Die Nachbarschaften spielen ebenfalls eine große Rolle im Kirmesgeschehen. Röschendrehen zum Dekorieren steht in Sevelen immer noch hoch im Kurs. „Hier ist es familiär“, erläutert Hagmans, was den Reiz der Sevelener Kirmes für ihn und viele andere ausmacht.

So richtig Kirmes miterlebt habe er mit 15 Jahren. „Die größeren Geschwister sind mitgegangen“ und er durfte mit ins Zelt. Das sei gefühlt 45 Jahre her. Freitag fuhr er die Maien mit den Jungschützen, Samstag ging es zum Festkettenträger, Sonntag war der Umzug durchs Dorf. „Und Montag war immer noch Disco“, erinnert sich Hagmans. Und Dienstag, da wird in Sevelen traditionsgemäß das „Knöllepöksken“ verbrannt. Der Kirmespuppe aus Stroh wird alles angekreidet, was bei der Kirmes schief gelaufen ist. Anschließend wird sie verbrannt. Eine Begnadigung gab es in der Geschichte der Sevelener Kirmes nur zwei Mal.

In Summe wird in Sevelen also fünf Tage Kirmes gefeiert. Das braucht Kondition. „Wer die Gelegenheit hat, einmal mitzufeiern, sollte es tun“, schwärmt Petra Hilscher. Sie war 2017 Festkettenträgerin. „Unvergesslich“ nennt sie ihre Erfahrung. Erstmals gab es im Zelt einen Flashmob. 50 oder 60 Leute aus dem Dorf haben geprobt, alle haben dicht gehalten. „Es war eine Riesenüberraschung“, sagt Petra Hilscher, die mit der Kirmes groß geworden ist. „Die Wagen der Schausteller standen bei uns vor der Tür. Sie bekamen von uns Wasser und Strom. Im Gegenzug erhielten wir Kinder Chips für den Selbstfahrer“, beschreibt sie ihre Kindheitserinnerung. Die Wagen der Schausteller standen auf der Kuyckheide, dort wo sie auch heute ihr Geschäft hat. So ganz sang- und klanglos wollen die Sevelener aber auch in diesem Jahr ihre Kirmestage nicht ziehen lassen. Den ein oder anderen privaten Frühschoppen werden sich die Sevelener nicht nehmen lassen. „Und wir müssen auf jeden Fall die Fahnen raushängen“, sagt Petra Hilscher. Denn auch wenn nicht offiziell gefeiert wird, vergessen ist die Sevelener Kirmes nicht.