Anonyme Spurensicherung im Kreis Wesel: Ein wichtiger Baustein 

Meinung : Ein wichtiger Baustein

Im Kampf gegen sexualisierte Gewalt hilft die Anonyme Spurensicherung. Seit 2017 gibt es das Angebot im Kreis. Bislang wird es kaum genutzt. Das macht das Projekt nicht weniger wichtig.

Liebe Mitmoerser, manchmal ist es einfach nur wichtig, dass über ein Thema gesprochen wird; um dafür zu sorgen, dass noch mehr Menschen informiert sind und im Ernstfall schnell die richtigen Anlaufstellen finden. Opfer sexualisierter Gewalt zum Beispiel wollen in vielen Fällen nicht sofort Anzeige erstatten, ihre Personalien preisgeben und mit Polizisten über das sprechen, was ihnen passiert ist.  Seit Januar 2017 können sie deshalb auch in Moers in eines der beiden Krankenhäuser gehen, Blut oder Urin abgegeben, ihre Unterwäsche hinterlegen und den Vorfall schildern. Die Ärzte nehmen alles vertraulich auf. So können Betroffene auch Jahre später Anzeige erstatten, denn die Spuren sind gesichert – gerichtsfest. Das ist das Versprechen der Anonymen Spurensicherung, kurz ASS.

Alle fünf Krankenhäuser im Kreis Wesel mit gynäkologischen Abteilungen, aber auch niedergelassene Frauenärzte nehmen an dem Projekt teil, das von einer interdisziplinären Facharbeitsgruppe des Runden Tisches gegen Häusliche Gewalt angestoßen und vor kurzem für weitere drei Jahre verlängert wurde. Untersuchungsmaterialien bekommen die Ärzte gestellt, der ärztliche Bericht und die gesicherten Spuren werden anonym unter einem Pseudonym im Institut für Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Düsseldorf deponiert und zehn Jahre lang aufbewahrt. Trotzdem ist die Inanspruchnahme bislang sehr gering. Etwa zwei Fälle pro Jahr und Krankenhaus wurden dokumentiert.

Nun wird die Tatsache, dass nur wenige Menschen das Angebot nutzen, leider nichts damit zu tun haben, dass es weniger Sexualstraftaten gibt. 71 sind laut Polizei im vergangenen Jahr in Moers angezeigt worden. 2017 waren es 72, 2016 44. Die Aufklärungsquote lag 2018 in der Grafenstadt bei 76,1 Prozent. Und: „Die Dunkelziffer ist hoch“, sagt Andrea Margraf, Sprecherin der Kreispolizeibehörde Wesel. Das heißt: Viele Sexualdelikte werden gar nicht erst öffentlich – weil sich Opfer schämen, weil jemand Druck auf sie ausübt oder der Täter vielleicht aus der eigenen Familie kommt. Genau für diese Fälle wurde die ASS realisiert, deshalb ist es wichtig, dass möglichst viele Menschen das Angebot kennen – als Möglichkeit, sich Zeit zu verschaffen, vor allem aber als wichtiger Baustein im Kampf gegen sexualisierte Gewalt. Viele Verfahren scheiterten aus Mangel an Beweisen.

julia.hagenacker@rheinische-post.de