Mönchengladbach: Die Ratten fressen sich ins Kinderzimmer

Mönchengladbach : Die Ratten fressen sich ins Kinderzimmer

Denise Mühlen bekommt eine Gänsehaut, wenn sie an die Nacht denkt: "Hinter den Wänden hört man dann immer die Ratten laufen." Noch. Denn das Loch über dem Fenster im Kinderzimmer werde immer größer. Hier versuchen sich die Nager laut Denise Mühlen ihren Weg in die Wohnung zu bahnen, direkt neben dem kleinen Kinderbettchen, in dem der elf Monate alte Tyler schläft. Der Vermieter kümmere sich nicht, sagt die junge Mutter verzweifelt.

Das Haus an der Neersbroicher Straße in Neuwerk ist eine Bruchbude. Schon von außen ist der Verfall zu erkennen. Von den Türen blättert der Lack ab, der Rasen wuchert mehr als knöchelhoch, im Innenhof bricht der gepflasterte Boden unter den Füßen weg, weil das Fundament - möglicherweise durch Rattennester - wegsackt. In den Wohnungen sieht es nicht besser aus: Von der Decke bröselt der Putz auf das Bett von Denise Mühlen, unter ihrer Spüle hat sich Schimmel gebildet - genau wie in der Wohnung ihrer Nachbarin. Auch die ist mit den Nerven am Ende: "Ich lebe hier mit meinem Sohn und meiner kranken Mutter, um die ich mich kümmern muss", sagt Dagmar Willecke. Sie habe immer wieder gehofft, dass sich etwas bessert. Vergeblich.

Sie suchte Hilfe bei der Stadt, schaltete sogar einen Anwalt ein. Mit Hilfe der Kanzlei minderte sie ihre Miete, seit Monaten zahlt sie nur noch die Nebenkosten. An der Situation änderte sich nichts. Im Gegenteil: Die Mietminderung habe den Vermieter so aufgebracht, dass er die Müllgebühren nicht mehr entrichtet habe, schreiben die Anwälte. Weil sich die Entsorgungsunternehmen daraufhin weigerten, den Hausmüll mitzunehmen, wuchsen die Müllberge - und lockten das Ungeziefer an. Der Vermieter wollte sich gestern nicht äußern, er reagierte trotz mehrmaliger Anrufe nicht.

Der Boden im Innenhof bricht weg. Ratten könnten hier ihre Nester gegraben haben, zumindest ihr Kot liegt im Innenhof verstreut. Foto: Detlef Illgner

Am liebsten würde sie umziehen, sagt Dagmar Willecke. Denise Mühlen nickt. Doch einen Umzug können sich die beiden Frauen nicht leisten. Dagmar Willecke arbeitet für eine Zeitarbeitsfirma, ihr Lohn reicht gerade zum Überleben. Denise Mühlen lebt momentan von staatlicher Unterstützung. Das Geld ist knapp -auch weil der Vermieter Rechnungen an die NEW nicht bezahlt habe. Nun muss Denise Mühlen die angelaufenen Schulden monatlich in Raten abstottern. Die Wohnaufsicht ist über den Fall informiert, bei einer Besichtigung stellte sie laut Aussage der Stadt "geringfügige Mängel" fest. Doch die Mieterin müsse die Probleme zunächst mit dem Vermieter klären.

Kai-Uwe Springer vom Mieterverband Niederrhein kennt viele solcher Fälle. "Wer kein Geld hat, kann sich auch nicht wehren", sagt der Rechtsanwalt. Natürlich könne man gegen den Vermieter klagen, aber das könne unter Umständen lange dauern. Allerdings könnten die Behörden ein Ordnungsgeld verhängen. Auch das Jugendamt könne eingreifen: "Es ist seine Aufgabe, Gefahren abzuwehren." Diese könnten auch vom Wohnumfeld ausgehen. Er rät den Betroffenen, immer wieder Kontakt zur Wohnaufsicht zu suchen. In vielen Fällen würden auch soziale Stiftungen Geld für Umzüge in solchen sozialen Notlagen bereitstellen. "Leider gibt es eine solche Stiftung in Mönchengladbach jedoch nicht."

(RP)
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