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Meerbusch: Büderichs Chronist und Lehrer

Meerbusch : Büderichs Chronist und Lehrer

Gestern vor 100 Jahren kam Theodor Hellmich von Lank-Latum nach Büderich. 1919 wurde der gebürtige Bremer zum Rektor bestellt. Der Pädagoge war gesellschaftlich, sozial und kirchlich auf vielen Feldern aktiv und setzte sich auch gegen die NSDAP durch.

Theodor Hellmich kam am 6. April 1863 als drittes von zwölf Kindern in Bremen im Kreis Soest als Bauernsohn zur Welt. Die Familie stammt aus Lüttringen, sie wurde dort schon 1375 nachgewiesen. Trotz vieler Widrigkeiten erfüllte sich Theodor seinen Traum und wurde Lehrer. Von 1907 bis 1912 war er Hauptlehrer in Lank. "Als mir der Kreisschulrat 1912 die Büdericher Schule anbot, entschloss ich mich, insbesondere in dem Gedanken, nahe bei Düsseldorf zu sein, wo für meine Kinder beste Ausbildungsgelegenheit bestanden, die angebotene Hauptlehrerstelle in Büderich anzunehmen. Außerdem bot Büderich manche Bequemlichkeiten wie elektrisches Licht und Wasserleitung" schrieb er in seinen Erinnerungen.

Und so trat Hellmich gestern vor hundert Jahren, am 1. April 1912, seine Stelle als Schulleiter in Büderich an. Er zog mit seinen elf Kindern in das alte Rektorhaus an der Dorfstraße 61 in Büderich. Er fand zu diesem Zeitpunkt in Büderich ein Schulsystem mit zehn Klassen und 635 Schülern vor, die auf drei verschiedene Schulgebäude verteilt waren, auf das neue Schulgebäude an der Dorfstraße 18, das Schulgebäude Dorfstraße 59 sowie das alte Schulgebäude an der Dückersstraße.

Nach dem Tode des Pfarrers und Ortsschulinspektors Dr. Johannes Kirschbaum wurde Hellmich 1919 zum Rektor ernannt. Es gab 835 Schüler in jeweils acht Klassen für Knaben und für Mädchen. Vielfältige Aufgaben hatten zur Folge, "dass ich fast täglich bis abends 11 Uhr auf meinem Amtszimmer in der Schule zubringen musste und nur die Essenszeit in meiner Familie verbringen konnte."

Schon Im April 1912 übernahm er auf wiederholte Bitten des Bürgermeisters und des Landrats den Vorsitz des Obst- und Gemüsebauvereins, der nur noch 13 Mitglieder hatte. "Es wurden nun regelmäßig Versammlungen gehalten, in denen ich persönlich oder durch fremde Fachredner Vorträge über Gemüse- und Obstbau und Düngerfragen halten ließ." In den folgenden Jahren kümmerte er sich vor allem darum, den Rhabarberanbau in Büderich einzuführen. Ein Rhabarberfeld brachte damals mehr ein als ein gleich großes Stück mit Spargel. 1923 wurde eine Veiling eingerichtet – eine Versteigerung nach Straelener Vorbild. Von Montag bis Freitag wurden am Alten Kirchturm an der Dorfstraße täglich 250 bis 300 Zentner Erdbeeren an Aufkäufer versteigert, die aus dem ganzen Ruhrgebiet kamen. "Als dann aber in der zweiten Saison 1924 auf eine Verpflichtung gedrängt wurde, die ganzen erzeugten Mengen der Versteigerung zuzuführen und eine Schreibkraft vom Bürgermeisteramt hinzugezogen wurde, machte die Uneinigkeit der Züchter und die Furcht vor dem Bekanntwerden der Einnahmen der Versteigerung bald ein Ende". 1925 legte Hellmich den Vorsitz des Vereins nieder.

Theodor Hellmich engagierte sich auch in der Kreislehrerschaft Neuss und im kirchlichen Bereich. "Auf meine Anregung hin führte Pfarrer Dr. Johannes Kirschbaum an Sonn- und Feiertagen eine besondere Kindermesse ein, wo die Lehrer hinter den Plätzen der Kinder ihren besonderen Platz zur Beaufsichtigung hatten." Auch um den St. Martinszug in Büderich hat sich Theodor Hellmich verdient gemacht: "Als ich den Martinszug 1912 hier im Ort einführte, sammelten die Lehrpersonen Geld und Mehl und Äpfel. Vom zweiten Jahre an wurde von uns Lehrern bestimmt, dass die Schüler nur selbstangefertigte Fackeln tragen durften." Mitte der 1925er Jahre arbeitete Theodor Hellmich im örtlichen Vorstand des Bundes der Kinderreichen mit, der sich insbesondere um die verbilligte Beschaffung von Stoffen, Decken und Schuhen kümmerte. Seit 1918 war Theodor Hellmich Kirchenvorstandsmitglied in St. Mauritius. Er blieb bis zu seinem Tode 1948, also genau 30 Jahre, im Kirchenvorstand und hat in seinen Niederschriften auch über manches kirchliche Problem berichtet. Am 1. Oktober 1928 wurde Theodor Hellmich pensioniert, musste die Dienstwohnung an der Dorfstraße 61 verlassen und baute für sich und seine damals noch im Hause lebenden neun Kinder ein Haus an der Poststraße 53.

Durch die Weltwirtschaftskrise und die Inflation herrschte 1929 eine hohe Arbeitslosigkeit. Um das Elend der ärmsten Familien zu lindern, wurde in Büderich eine freiwillige gemeinnützige Winterhilfe eingerichtet. "Auf der Gründungsversammlung 1930 wurde mir der Vorsitz übertragen. Nahrungsmittel und Bekleidungsstücke wurden durch öffentliche Aufrufe und gezielte Ansprache von Firmen und gut situierten Bewohnern gesammelt. Für alleinstehende Arbeitslose richteten wir einen Mittagstisch im Schwesternheim ein. Kartoffeln, Milch und Gemüse schenkten unsere Bauern, Mehl die Mühlen, Fleisch zum Teil wenigstens die Metzger. Die Änderung geschenkter Kleider besorgten hilfsbereite Frauen. Fast jeden Morgen war ich auf Tour, besonders auf dem Fürsorgeamt. Als dann der Umbruch im Winter 1933 kam, übernahm die Partei die Winterhilfe."

Schon seit 1914 hatte Hellmich Material für ein Buch über die Geschichte Büderichs gesammelt. Solange er jedoch im Schuldienst war, verblieb dafür nur wenig Zeit. Aber auch nach seiner Pensionierung brauchte er noch zehn Jahre, bis das Manuskript 1938 endlich fertig war. Er hat sein Werk bewusst mit 1933 abgeschlossen und dieses auch schon im Titel zum Ausdruck gebracht: "Geschichte Büderichs bei Düsseldorf im allgemeinen bis zum Umbruch 1933". Hellmich begann nun Verhandlungen mit der Gemeinde Büderich, insbesondere mit Bürgermeister Daniels. Zunächst versuchte der Bürgermeister ihn zu überreden, das Material der Gemeinde zur Verfügung zu stellen, "...damit von berufener Hand ein Bild der Gemeinde Büderich gezeichnet werden könne, das in die herrliche Gegenwart überleitet...". Das lehnte Hellmich ab. Er verhandelte trotz Widerstandes der NSDAP so lange weiter, bis der Bürgermeister bereit war, das Buch mit einem Umfang von 450 Seiten herauszugeben. Es erschien in der Karwoche 1940 in einer Auflage von 500 Stück.

In den Jahren 1923 bis 1938 führte Hellmich sporadisch und von 1941 bis 1948 fast täglich Tagebuch. Er hinterließ insgesamt zwei Familienchroniken, fünfzehn Tagebücher und viele Einzeldokumente. Diese Niederschriften sind wichtige Zeitzeugnisse, denn Hellmich berichtet nicht nur über familiäre Ereignisse, sondern auch übers Zeitgeschehen. Die letzte Eintragung in sein Tagebuch machte er am 30. April 1948, sie endet mitten im Satz. Kurz darauf, am 8. Mai 1948, verstarb Hellmich im Alter von 85 Jahren.

(RP)