Superintendent Burkhard Kamphausen  geht in den Ruhestand - ein Interview

Der scheidende Superintendent : „Wir sind Schriftgelehrte“

Der Superintendent des Kirchenkreises geht in den Ruhestand. Wir sprachen mit ihm über sein Leben.

Sie hören auf zu arbeiten. Fürchten Sie das große Loch oder freuen Sie sich auf die Freiheit?

Kamphausen Irgendwo dazwischen. Ich freue mich darauf, bestimmte Dinge nicht mehr machen zu müssen . . .

. . . gehört zum Wesen der Arbeit, dass man bestimmte Dinge nicht so toll findet . . .

Kamphausen Genau. Aber ich habe dem Amt des Superintendenten auch wahnsinnig viel zu verdanken. Viele Kontakte, viele Erlebnisse. Wir haben mit dem Partnerkonvent unserer befreundeten Kirchenkreise tolle Begegnungen gehabt, da blicke ich dankbar drauf zurück, auch auf die gute Kollegialität mit den anderen Superintendentinnen und Superintendenten. Das werde ich vermissen.

Sie haben Ihr Leben der Theologie verschrieben und damit auch an den Glauben an Gott. Was ein Risiko war, denn Glaube kann ja auch verlorengehen, und dann hängt man drin in diesem Beruf.

Kamphausen Ja, und Glaube verändert sich auch. Am Anfang steht ein Kinderglaube, in der Phase des Studiums fragt man viel, es war gut, gute Lehrer zu haben. In der Gemeindearbeit lernt man kennen, was die Vielfalt des Lebens ist. Wenn man die Leute zu Hause besucht, Taufgespräche, Beerdigungsgespräche, viele Seelsorgegespräche führt, dann lernen Sie Menschen kennen, und dann verändert sich der Glaube.

Wie?

Kamphausen Mein Menschenbild ist weiter geworden.

Und das Gottesbild?

Kamphausen Auch. Die Vielfalt des Menschlichen spiegelt ja auch die Weite Gottes und seiner Möglichkeiten. Er ist kein Gott, der in Schubladen denkt, er ist ein liebender Gott, seine Liebe umfasst diese Weite und ist unendlich.

Was nervt Sie am meisten an der Wahrnehmung der Kirche von außen?

Kamphausen Dass der Kirche noch viele Vorurteile entgegengebracht werden, die längst erledigt sind. Wir werden verwechselt mit bestimmten Dingen in der katholischen Kirche, wir werden mit einer engen Ethik in eins gesetzt. Und wir werden für „links“ gehalten. Mir hat mal ein Unternehmer gesagt: Sie müssen ja links sein, Sie sind in der evangelischen Kirche.

Sind Sie denn links?

Kamphausen Was heißt denn links? Ich denke, dass aus dem Glauben heraus eine bestimmte Sicht auf den Menschen und das Menschenbild existiert, und die kann mal sehr konservativ sein, wenn es um Fragen des Lebensschutzes geht, sie kann aber auch politisch links sein, wenn es um die Rechte der Menschen geht. Ich plädiere für Vorsicht, das in einem Parteiprogramm zu verorten. Ich finde mich da nicht in einem Programm wieder.

Was nervt Sie an der Innenwahrnehmung der Kirche am meisten?

Kamphausen Die Selbstbeschäftigung. Wir sind in der Lage, uns so mit uns selbst zu beschäftigen, dass wir gar nicht mehr merken, dass die Welt um uns existiert und sich verändert.

Haben Sie ein Beispiel?

Kamphausen Wir konzentrieren uns auf ein kleines Segment unserer Mitglieder, das bedienen wir gut, aber die Ausstrahlung nach außen könnte stärker sein.

Man kann den Verdacht haben, dass Pfarrer im Dienst zunehmend ihre theologische Intellektualität vergessen. Letztens konnte man in einem Beitrag von einem Pfarrer lesen, dass Erneuerungsgefühle im Frühling der tiefere Sinn der Auferstehung seien. Nein, darf man erwidern, das ist der flachere Sinn. Wie kann ein Pfarrer so theologievergessen sein? Sehen Sie das als Problem, dass Pfarrer im Alltag nicht mehr tief genug über das nachdenken, wofür sie eigentlich stehen?

Kamphausen Natürlich gibt es immer mal wieder Predigten, bei denen man den Eindruck hat: Da hätte der Pfarrer besser noch eine gedankliche Runde drangehängt. Aber ich glaube nicht, dass das ein durchgängiges Phänomen ist. Gerade jüngere Kollegen sind sehr gut ausgebildet. Dennoch verstehe ich, was Sie meinen. Es geht im Pfarrberuf wesentlich auch um Schriftgelehrtheit. Pfarrer sein heißt: Wir sind dafür freigestellt, uns als Schriftgelehrte mit der Heiligen Schrift zu befassen. Wir haben Zeit, uns mit bestimmten Texten, die eine Lebensgrundlage darstellen, zu beschäftigen und sie in die Lebenswelt von heute zu übersetzen. In Gesprächen mit Presbyterien habe ich immer versucht, deutlich zu machen: Ein Pfarrer braucht auch die Ruhe, sich damit zu befassen. Ein voller Terminkalender ist kein Beleg, dass euer Pfarrer alles richtig macht.

In der Zeitung stand jetzt zu lesen, dass die Christenheit in Deutschland bis 2060 auf die Hälfte des heutigen Standes fällt. Erfüllt Sie das mit Trauer?

Kamphausen Das macht schon nachdenklich. Wir kommen nicht drumherum, uns immer wieder darüber Gedanken zu machen, wie wir den Auftrag, den wir haben, am besten wahrnehmen. Worum geht es wirklich? Stichwort: Auferstehung. Verkündigung des Evangeliums, Sammeln der Menschen, Senden der Menschen, gesellschaftliche Relevanz, wobei das immer schwieriger wird, wenn evangelische und katholische Kirche irgendwann deutlich unter die 50-Prozent-Marke rutschen.

Eine Krefelder Pfarrerin hat mal gesagt, dass es nicht in der Hand der Kirche liegt, ob sie wächst oder schrumpft. Wenn man den Begriff der Heilsgeschichte ernst nimmt: Kann dieser Schrumpfprozess eine heilsgeschichtlich relevante Entwicklung sein?

Kamphausen Im Neuen Testament gibt es viele Bilder für Wachstum, aber nur sehr wenige fürs Schrumpfen. Ich weiß es nicht. Wir haben bisher gern auf die demographische Entwicklung verwiesen, wenn es um sinkende Mitgliederzahlen geht. Nach den neuen Zahlen müssen wir uns doch eine neue Brille aufziehen. Es gibt schon jetzt einen enormen Traditionsabbruch. Wer kommt denn noch aus einem christlich geprägten Umfeld, wo man vertraut ist mit bestimmten Riten? Die Frage, warum es dazu kommt und wie man dem begegnet, ist einfach dran. Ich bin ganz froh, dass wir es in unserem Kirchenkreis geschafft haben, alle Pfarrstellen zu besetzen, und die Gemeinden die Dinge, die sie machen wollen, auch machen können. Aber die Hände in den Schoß legen, das geht sicher nicht.

Es ist erstaunlich, mit wie wenig Menschen freikirchliche Gemeinden Engagement, auch finanzielles, mobilisieren können. Im Vergleich dazu wirkt das Kirchensteuersystem kühl und unpersönlich. Muss man darüber nachdenken? Kann man von Freikirchen lernen?

Kamphausen Das Gemeinschaftsgefühl ist sicher beeindruckend, ich habe aber mit dem Kongretionalismus ein Problem, also damit, dass jede Gemeinde für sich existiert. Die Landeskirchen haben große diakonische Sozialwerke zum Dienst am Menschen aufgebaut. Ich glaube nicht, dass das mit freikirchlichen Strukturen zu schaffen wäre. Mir gefällt aber durchaus das italienische System. Dort gibt es eine Steuer, die jeder bezahlen muss, „otto per mille“, also acht Promille des Einkommens. Jeder kann bestimmen, an wen dieses Geld geht.

Wahrscheinlich würden die Kirchen dann aber Geld verlieren.

Kamphausen Das mag sein. Die Kirche müsste dann eben überzeugend sein.

Haben Sie ein Lieblingskirchenlied?

Dieses Detail  zeigt  Erzbischof Oscar Romero, der während eines Gottesdienstes in San Salvador am 24. März 1980 im Auftrag der Militärjunta, die Salvador beherrschte, ermordet wurde. Sein Tod markierte den Beginn des Bürgerkriegs in Salvador, der mehr als 75.000 Todesopfer forderte. 2015 wurde Romero seliggesprochen. Foto: Lammertz, Thomas (lamm)
Dieser Bildausschnitt zeigt  Pfarrer Paul Schneider, der als „Prediger von Buchenwald“ Geschichte schrieb. Schneider war im KZ inhaftiert und predigte, aus seiner Zelle hinausbrüllend, gegen das Nazi-Regime: „Kameraden, hört mich. Hier spricht Pfarrer Paul Schneider. Hier wird gefoltert und gemordet“, sagte er etwa. Er wurde mit einer Giftspritze ermordet. Foto: Lammertz, Thomas (lamm)
Auf diesem Segment ist der evangelische Theologe und Widerständler Dietrich Bonhoeffer zu sehen (r.). Bonhoeffer wurde 1943 verhaftet; er gehörte zum Verschwörerkreis der Gruppe Canaris. Bonhoeffer wurde am 9. April 1945   im KZ Flossenbürg ermordet. Er wurde nackt gehängt. Berühmt ist sein Kirchenlied „Von guten Mächten wunderbar geborgen“. Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

Kamphausen Nein, da gibt es viele. Wenn Sonntagmorgen im Sommer die Sonne scheint, dann singt man im Gottesdienst „Die güldne Sonne“, und zu Weihnachten „O du fröhliche“ zu singen, ist auch wunderbar.

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