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Seidenweberhaus in Krefeld: Facebook-Hit über das "Heroinweberhaus"

Comedians über Krefeld : „Das Heroinweberhaus“

Zwei Comedians plaudern über Krefeld und fällen ein vernichtendes Urteil. Das Video davon ist ein Internet-Hit und wird heftig diskutiert.

Bei Facebook ist das Video ein Hit. Der Comedian Felix Lobrecht plaudert mit seinem Freund und Kompagnon Tommi Schmitt in einem Podcast über einen Auftritt Lobrechts im Seidenweberhaus. Das 56 Sekunden lange Gespräch wird bei Facebook differenziert und mit Leidenschaft diskutiert, auch kritisiert – unter anderem, weil Krefeld auf das Seidenweberhaus reduziert wird. Warum geht man über den Gesprächsschnipsel dennoch nicht einfach hinweg? Weil dieser Lobrecht ein unvoreingenommener, darin exzellenter Zeuge ist. Und er ist nicht dumm; an einer Stelle formuliert er fundierte Kritik am Seidenweberhaus und bezieht den Brutalismus-Begriff ein. Also: Trotz des rotzig-frechen Jugendsprechs lohnt es sich zuzuhören.

Zudem kommt dieser Dialog zu einem Zeitpunkt, an dem sich die Schicksalswaage endgültig gegen das Seidenweberhaus zu neigen beginnt.  Das jüngste Gutachten mit  einem Kostenvergleich über Sanierung und Neubau kommt zu einem eindeutigen Ergebnis: Das Haus zu erhalten ist die teuerste und schlechteste Lösung, sowohl städtebaulich als auch lebenspraktisch. Lobrechts kurze Architekturkritik geht aber darüber hinaus: Sein erster Eindruck zeigt, wie dieses Haus in seiner hässlichen, seit Jahren auch schmutzstarrenden Wucht Krefelds Ruf geschadet hat. Und, auch das muss man sagen, wie unfassbar lethargisch die Eliten dieser Stadt diesen Zustand hingenommen haben.

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Mag ja sein, dass man als Einwohner Krefelds die Zumutung, die dieses Gebäude darstellt, irgendwann achselzuckend hinnimmt. Die Schwerkraft ist ja auch immer da. Leute aber, die wie Lobrecht als Neuling nach Krefeld kommen, reagieren, wie Lobrecht reagiert: fassungslos, ein bisschen amüsiert darüber, dass es einen solchen Zustand überhaupt gibt, und ungerecht verallgemeinernd. Das Problemviertel von Krefeld? Krefeld.

Wer verstehen will, warum Krefeld ein Image-Problem hat, hat nun ein 56 Sekunden langes Lehrstück dazu vor Augen. Kommt ein Künstler zu Besuch, der jeden Tag Spielstätten vor Augen hat, Orte der Kultur, Orte jenseits von Arbeit und Mühe, Orte, wo Menschen Schönes, Witziges, Inspirierendes erleben wollen. Orte für kleine und große Fluchten aus dem Alltag.

 Felix Lobrecht und Tommi Schmitt diskutieren in ihrem Podcast „Gemischtes Hack“ über das Seidenweberhaus.
Felix Lobrecht und Tommi Schmitt diskutieren in ihrem Podcast „Gemischtes Hack“ über das Seidenweberhaus. Foto: Samla

Wer so gestimmt ins Seidenweberhaus geht, quält sich seit vielen Jahren vorbei an Spuren des Elends und der Verwahrlosung.  Der Gegensatz zwischen dem Erlebnis drinnen und dem Rahmen draußen könnte größer nicht sein. Das prägt und schwächt jedes positive Gefühl, das man aus dem Haus um der Veranstaltung willen ja auch mitnimmt, entscheidend ab. Lobrecht thematisiert genau diesen Zwiespalt, wenn er die Anspielung im Namen auf die Seidenhistorie aufgreift und mit der tristen Realität der Junkie-Szene zu einem neuen Wort verbindet: Das Haus müsste Heroinweberhaus heißen.

Überraschend handfeste Architekturkritik ist der Hinweis, dass da „einfach nur ein Brutalismus-Bau mitten in die Stadt“ gesetzt wurde. Brutalismus mitten in der Stadt: Das genau ist das Problem dieses Hauses, das mit all seiner unförmigen Wucht jede Proportion sprengt und das feine Geflecht aus Wegen und Sichtachsen zerreißt. „Einfach nur Brutalismus“ meint eben auch: Da ist nichts, was daneben noch ins Auge springt.

Kürzer kann man es nicht sagen, dass das Seidenweberhaus ein Wahrnehmungsproblem in Krefeld geschaffen hat. Als unbefangener Flaneur triffst du nicht auf dieses Gebäude; das Gebäude trifft auf dich. Es schüchtert dich ein. Es stößt dich ab. Es knipst überlebensrelevante Instinkte an: Achtung, aufpassen.  Man ist kein Müßiggänger mehr, sondern Stratege: Wo ist ein Ausweg, wo droht Gefahr?

Lobrecht macht eine wichtige Ergänzung: Das Seidenweberhaus sei „verkopft“. Heißt ja wohl: Der Name und das Gebäude behaupten eine konzeptionelle Schlüssigkeit, die ästhetisch und lebenspraktisch scheitert. Weder die Anspielung auf die Seidenhistorie Krefelds im Namen noch die verspielte Sechseckigkeit funktionieren. Das Seidenweberhaus wirkt viel zu schwer, um an Feinheit, Eleganz und Kostbarkeit der Seidenkultur zu erinnern. Und die Sechseckigkeit ist verspielt nur in Luftaufnahmen. Vor dem Haus stehend, bleibt nur Wucht. Ein Riese, der behauptet, in Samt und Seide zu gehen.

In Lobrechts Kritik schwingt all das mit. Sein Gesprächspartner Schmitt spricht dann das Todesurteil: „Niederrhein ist tot.“ Diese Worte sind natürlich aberwitzig ungerecht und falsch. Sie spiegeln nicht Realität, wohl aber Psychologie der Wahrnehmung. Wer das Seidenweberhaus das erste Mal sieht, sieht nichts vom Rest der Stadt. Und bumsfallera ist es da, das Imageproblem.

So haben diese beiden jungen Comedians auf ihre Weise ein trübes Kapitel Krefelder Geschichte rekapituliert: Wie man das falsche Haus an den falschen Ort gesetzt hat und dann auch noch verkommen ließ.

Der Abriss naht, daran gibt es keinen Zweifel. Ist das Seidenweberhaus weg, wird nicht alles gut in Krefeld. Aber die Chance wächst, dass sich der Blick endlich öffnet: auf eine Stadt, die viel Altehrwürdiges, Modernes, Schönes und Lebensfreude zu bieten hat.