Krefeld: Fahrer von Menschen mit Behinderung bei der Lebenshilfe

Im Blickpunkt Tag der Menschen mit Behinderung : Mädchen für alles bei der Lebenshilfe

Klaus Schmies arbeitet ehrenamtlich für die Lebenshilfe Krefeld als Fahrer von Menschen mit Behinderung.

„Ich nehme die Menschen mit Handicap wie normale Persönlichkeiten und behandle sie wie alle anderen“, sagt Klaus Schmies. „Es gibt keinen Grund, mit ihnen wie mit unverständigen Kindern zu sprechen.“ Mit dieser Haltung vertritt er den gesellschaftlichen Anspruch von Inklusion. Die Lebenshilfe formuliert das in leichter Sprache so: „Inklusion bedeutet: Alle gehören dazu. Von Anfang an. Trotz aller Unterschiede. Keiner ist ausgeschlossen.“

Klaus Schmies, Jahrgang 1968, hat in diesem Frühjahr als ehrenamtlicher Unterstützer bei der Lebenshilfe Krefeld angefangen. Beim Tagestreff für Menschen mit Behinderung im Ruhestand ist er als Fahrer dabei. An zwei Tagen in der Woche holt er die Tagesgäste aus ihren Wohnungen oder Wohnhäusern ab und bringt sie am Nachmittag wieder nach Hause. Schmies hat diesen Job von Jochen Winkels übernommen, der sein Ehrenamt mit 76 Jahren aufgegeben hatte. Genau wie jener hat er die Anregung dazu dem Freiwilligenzentrum am Westwall zu verdanken. „Das war der erste Vorschlag, und ich habe schon noch einigen Wochen gewusst, dass ich dabei bleibe“, sagt Schmies.

Die Begegnung mit Menschen mit Behinderung ist für ihn nichts Neues: Schon als Zivildienstleistender hat er für den Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) Fahrdienste übernommen. Damals spielten auch die Finanzen eine Rolle: „Fahrer wurden gut bezahlt“, sagt er. Berührungsängste hatte er damals wie heute nicht: „Es gab auch in unserer Familie jemanden mit Behinderung, das ist für mich nicht befremdlich.“ Zwei Unterschiede zum Zivildienst kann Schmies jedoch feststellen. Es sind bei der Lebenshilfe Erwachsene, beim ASB waren es Kinder und Jugendliche, die er gefahren hat. „Damals waren es Schüler, sie sind anders als Senioren. Man konnte vor dreißig Jahren weniger mit gehandicapten Menschen anfangen.“

Verändert hat sich nach seiner Einschätzung die Reaktion der Menschen um die Behinderten herum. Er möchte die damaligen Erfahrungen nicht als feindselig bezeichnen, aber: „Ich habe einem Jugendlichen mit Krücken geholfen, und ein anderer hat uns die Tür direkt vor der Nase zugeschlagen.“ So etwas geschieht heute rund um den Tagestreff der Lebenshilfe nicht mehr. Die Menschen mit Behinderung sind auch in der Stadt unterwegs, zünden in der Dionysiuskirche eine Kerze an oder besuchen Ausstellungen: „Ich habe noch keine komische Situation erlebt“, beschreibt Schmies die Reaktion der Menschen in der Stadt.  Die inklusive Gruppe ist in der Innenstadt zufrieden unterwegs.

Tagestreff-Leiterin Henny Zanders-Bobis bestätigt diesen Eindruck: „Wir haben in der Inklusion viel erreicht“, sagt sie, „aber es bleibt noch eine Menge zu tun.“ Für sie sind die Unterstützer ein Teil des inklusiven Prozesses: „Wir tauschen uns aus; die Menschen mit und ohne Behinderung interessieren sich füreinander und wissen vom anderen.“ Außerdem tragen die Ehrenamtlichen und die Bundesfreiwilligen ihre Erfahrungen zu ihrer Familie, zu ihren Bekannten – auf diese Weise verschränken sich die Lebenskreise.

Klaus Schmies ist nicht nur der Fahrer für die Menschen mit Behinderung; er beteiligt sich auch am Programm. Spaziergänge, Begleitung bei Einkäufen, Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Spielen. Für den Gesprächstermin mit der RP hat er das Gemüsemesser aus der Hand gelegt – im Tagestreff wird auch gemeinsam gekocht. „Ich habe unserem Bundesfreiwilligen gerade gezeigt, wie man Zwiebeln schneidet“, sagt er. Für die Küche bringt Schmies die besten Voraussetzungen mit, da er seit einigen Jahren den Haushalt der Familie schmeißt. Zuvor hatte er als Grafiker gearbeitet und musste wegen Überanstrengung in eine Klinik. Danach hat er den Haushalt übernommen: „Intern ist diese Rollenverteilung nicht schwierig“, sagt er. „Aber auf Partys zum Beispiel muss ich mich erklären.“ Er erklärt seinen Mitmenschen auch, warum er dieses Ehrenamt übernommen hat. „Es ist für mich eine Herausforderung“, sagt er, „denn ich brauche eher Sicherheit.“ Der Umgang mit den Menschen mit Behinderung sei spannend und herausfordernd und keineswegs eine Einbahnstraße: „Die Menschen sind echt, sie sagen offen und ehrlich die Tageszeit – ich weiß bei ihnen, woran ich bin und bekomme sehr viel Freundlichkeit entgegengebracht“, ist die Erfahrung von Klaus Schmies. Ein Tagesgast nennt ihn schon „Papi“, ein anderer grüßt und verabschiedet ihn mit herzlicher Umarmung.

Für Klaus Schmies entsteht durch das Beisammensein mit Menschen mit Behinderung eine Verknüpfung verschiedener Lebensbereiche: „Man entdeckt, dass es noch etwas anderes gibt als den Kleinkosmos des einzelnen“, sagt er, „die Aufgabe weitet den Blick.“ Schmies hat mit seinem Beruf als Grafiker abgeschlossen und sagt zu seinem Ehrenamt: „Ich stelle mir die Sinnfrage nicht mehr.“

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