Studenten-Kolumne: Eine bunte WG wie unsere

Studenten-Kolumne : Eine bunte WG wie unsere

PONG-PONG-PONG. Meine Mitbewohnerin läuft durch die Wohnung und wirft einen Stressball gegen die Wände. „Körperliche Misshandlung ist jede üble unangemessene Behandlung, die das Wohlbefinden des Opfers mehr als nur unerheblich beeinträchtigt“, sagt sie dabei laut.

Dann folgt eine juristische Definition nach der anderen. Staunend betrachte ich mit Oscar Wilde in der Hand das Spektakel. Die Klausurenphase hat begonnen. „Also ist der Zustand unseres Herdes wohl auch eine körperliche Misshandlung“, kommentiert meine andere Mitbewohnerin.

Seitdem ich Anfang Oktober mit einer Medizin-, einer Jurastudentin und einem ehemaligen Lehramtsstudenten in eine WG zusammengezogen bin, erfüllen sich einige Klischees. So haben sich Tischgespräche wie „Ist das nicht deine Leiche, wenn du die zum Aufschneiden kriegst?“, „Der Kuli ist vielleicht gerade in deinem Besitz, aber er ist trotzdem mein Eigentum“, „Zählt die Begründung, Jana müsse noch ein Gedicht analysieren, als Grund nicht am Filmeabend teilzunehmen?“ oder „Meine Kommilitonen haben alle ein eigenes Skelett. Ich will auch eins, das ist unfair“ unbewusst in mein Leben eingeschlichen und gehören nun wie selbstverständlich zum Alltag dazu.

Wie das passiert ist? Keine Ahnung. Doch ich beginne, den Einblick in ganz andere Fächer immer mehr zu genießen. Wie sollte ich sonst je erfahren, warum es keine Körperverletzung ist, wenn Organe außerhalb des Körpers beschädigt werden? Oder dass man erst im dritten Semester Leichen aufschneidet? Oder warum es Vorsatz war, dass mich gerade ein blauer Stressball getroffen hat? Eindeutiger Wille zur Tatbestandsverwirklichung in Kenntnis aller objektiven Tatumstände einschließlich der Kausalitätsbeziehungen. „Ey warte das kriegst du wieder“, rufe ich und werfe den Stressball lachend zurück.

Jana Rogmann, 18 Jahre alt, kommt aus Kevelaer und studiert im ersten Semester Komparatistik und englische Literatur in Bonn.
FOTO: ROGMANN