Aus dem Klassenraum: Auf dem Weg zum Abitur

Aus dem Klassenraum : Auf dem Weg zum Abitur

Der höchste Schulabschluss ist auch dann erreichbar, wenn man nicht den direkten Weg zum Abi einschlägt – davon ist unser Lehrer-Kolumnist Ewald Hülk überzeugt.

Zugegeben: Es ereignete sich vor mehr als zehn Jahren. Die Abiklausuren waren geschrieben, und meine Aufgabe war es, im Einzelgespräch den Abiturienten die Ergebnisse mitzuteilen. Völlig untypisch reagierte dabei eine Schülerin, die mit einem guten Schnitt das Abi in der Tasche hatte. Kaum hatte ich ihr gratuliert, fiel sie mir, ihrem Lehrer, um den Hals und fing aus Freude an zu weinen. „Das muss ich meinem alten Klassenlehrer erzählen“, vertraute sie mir mit Tränen in den Augen an. „Denn der hat nicht geglaubt, dass ich das Abi schaffe!“ Die Schülerin hatte nach der Hauptschule unser Berufliches Gymnasium besucht.

Warum ich das hier schreibe? Es zeigt meiner Meinung nach dreierlei: 1. Auch früher war unser Schulsystem durchlässig. Mit Fleiß, einer sicherlich sehr wichtigen Tugend in der Schule, konnte man auch über die Hauptschule den Weg bis zur Allgemeinen Hochschulreife schaffen.

2. Dieser Schülerin kam zugute, dass sie in einem kleinen und nicht anonymen System im Klassenverband, zuerst in der Hauptschule und dann im Beruflichen Gymnasium, lernen konnte und sie so individuell gefördert, aber auch gefordert werden konnte.

3. Meine Kollegen mögen es mir verzeihen: Auch wir Lehrer haben nicht immer recht! Mögen in vielen Fällen die Empfehlungen über die weitere Schullaufbahn zutreffen, so gibt es auch so manche falsche Prognose – siehe das aufgeführte Beispiel.

Darüber müssen sich die vielen Eltern und deren Kinder im Klaren sein, wenn sie sich in diesen Tagen und Wochen den Kopf zerbrechen, welche Schulform nach der Klasse vier beziehungsweise nach der Klasse zehn die richtige ist. Zugute kommt ihnen dabei eines: Unser Schulsystem und die vielfältige Schullandschaft im Kreis garantieren heute wie gestern, dass selbst der höchste Schulabschluss, wenn man ihn denn anstreben möchte oder braucht, auch dann erreichbar ist, wenn man nicht den direkten Weg zum Abi einschlägt. Das ist doch eine gute Nachricht! Manche Kinder entwickeln sich halt nach Klasse vier enorm!

Ewald Hülk ist Studiendirektor am Berufskolleg Liebfrauenschule in Geldern und schreibt über das Leben als Lehrer.