Kinderarzt-Kolumne: Starker Medienkonsum kann Kindern schaden

Kinderarzt-Kolumne : Echte Erlebnisse statt Scheinwelt aus viereckigen Kästen

Wenn ein Kind ständig ein Handy in der Hand hat, kann das schädlich sein, meint unser Autor. Die Eltern sind gefragt, ihren Nachwuchs zu echten Erlebnissen zu animieren.

Als ich die Tür zum Zimmer öffne, drückt der kleine Marc auf dem Handy seiner Mutter herum. Er kommt zur Vorsorge U7, ist also gerade zwei Jahre alt. Ich frage, womit Marc normalerweise zu Hause spielt. Die Mutter ist irritiert: „Wenn der Akku leer ist, darf er mit Papas Tablet spielen, bis der Akku wieder geladen ist“. Leider ist diese Geschichte nicht erfunden. In meiner Praxis erlebe ich täglich, dass Kinder viel zu früh und offenbar ohne jede Begrenzung mit elektronischen Medien „beschäftigt“ werden – spielen mag ich das nicht nennen, denn beim Spielen lernt ein Kind ja normalerweise etwas.

Seit einigen Jahren kommt das veränderte Spielverhalten zunehmend in den Fokus der Kinderärzte. Schon 70 Prozent der Kinder hantieren im Kindergartenalter regelmäßig mehr als 30 Minuten mit dem Smartphone der Eltern (BLIKK-Studie). Es wurden klare Zusammenhänge zwischen Entwicklungsauffälligkeiten der Kinder (Schlafstörungen, Sprachstörungen und Konzentrationsstörungen) und dem Medienkonsum gefunden.  Auch Störungen der Eltern-Kind-Beziehung sind zu erwarten. Schließlich verbringen ja auch die Eltern selbst immer mehr Zeit mit dem Blick aufs Handy, statt mit dem Kind direkten Blickkontakt zu halten und ihm die Welt zu zeigen. Zeit und Aufmerksamkeit, die dem Kind fehlt.

Wer einmal mit Verstand beobachtet hat, wie glücklich jedes Kind seine Eltern anstrahlt, wenn es nur ihre Beachtung gewonnen hat, und wie umgekehrt das Herz der Eltern von der Reaktion des Kindes erfüllt wird, der ahnt, welche Verarmung an menschlicher Bindungsfähigkeit und sozialer Kompetenz als Folge eines unkritischen Umgangs mit elektronischen Medien zu erwarten ist. Und wie soll ein Kind, das nie Langeweile erfährt, weil es pausenlos mit Bildern und Geräuschen berieselt wird, jemals Initiative oder gar Fantasie entwickeln? Seine Zukunft als willenloser Bürger, für den nur real ist, was aus einem viereckigen Kasten kommt, wird so vorprogrammiert.

Und die Scheinwelt im PC ist ja auch verflixt verlockend. Schließlich kann man dort ja niemals wirklich verlieren, notfalls bleibt einem immer der „Reset-Knopf“. Inzwischen wurde das neue Krankheitsbild „gaming disorder“ offiziell definiert, für jene meist jugendlichen Patienten, die durch ihre PC-Spielsucht völlig aus dem normalen Alltag und vor allem auch aus ihren sozialen Bindungen geworfen wurden. Natürlich müssen wir unsere Jugend auf die Nutzung von elektronischen Medien vorbereiten und sie im Umgang damit ausbilden. Aber bitte frühestens im Schulalter und immer mit klaren zeitlichen und inhaltlichen Grenzen.

Wir Eltern und alle, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, müssen uns der zugegeben nicht leichten Aufgabe stellen, der Berieselung durch eine Scheinwelt aus den viereckigen Kästen echte Erlebnisse und Erfahrungen von Zuneigung, Freundschaft, Mitmenschlichkeit, von Erfolg und manchmal eben auch von Niederlagen entgegen zu setzen. Welches Selbstvertrauen kann ein Kind daraus gewinnen, wenn ihm nach einem Misserfolg ein Neustart gelingt, welche Wertschätzung erfährt es, wenn wir oder Freunde ihm dabei helfen! Das Drücken auf den „Reset-Knopf“ am Tablet ist dafür ein jämmerlicher Ersatz. Für Eltern, die für diese Aufgabe Hilfe suchen, hier der Hinweis auf Internetseiten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung mit fachkundigen Informationen, gestaffelt nach Altersgruppen: www.kindergesundheit-info.de.

Dr. Wolfgang Brüninghaus, Kinder- und Jugendarzt aus Kleve, schreibt an dieser Stelle alle paar Wochen von seinem Beruf. FOTO: BRÜNINGHAUS