1. NRW
  2. Städte
  3. Kevelaer

Warum es ungewöhnlich ist, dass Wallfahrten wegen Pandemie ausfallen.

Kirchenhistoriker erläutert : Wallfahrt als Dank nach überstandenen Seuchen

In früheren Jahrhunderten waren Seuchen oder Katastrophen wie Brände erst recht gerade der Anlass für Wallfahrten. „Wenn sich eine Pfarrei oder ein ganzer Ort auf den Weg zu einem Wallfahrtsort macht, steckt fast immer eine Seuche dahinter“, sagt Kirchenhistoriker Norbert Köster.

Die Wallfahrtssaison hat zwar gerade begonnen, aber etliche Wallfahrten werden diesmal wegen Corona abgesagt. Was aus heutiger Sicht logisch klingt, ist nach Worten von Kirchenhistoriker Prof. Dr. Norbert Köster einmalig. Denn in früheren Jahrhunderten waren Seuchen oder Katastrophen wie Brände erst recht gerade der Anlass für Wallfahrten. „Wenn sich eine Pfarrei oder ein ganzer Ort auf den Weg zu einem Wallfahrtsort macht, steckt fast immer eine Seuche dahinter“, sagt Köster zu den historischen Ursprüngen.

Dabei habe es sich entweder um eine Viehseuche gehandelt, die den Bauern die Lebensgrundlage entzog, oder es sei eine Seuche wie beispielsweise die Pest gewesen, die unzählige Menschenleben forderte. „Manche Wallfahrten sind als Dank entstanden, nachdem das Ganze überstanden war, oder als Bitte, damit so etwas nicht wieder ausbricht“, erklärt der Professor für Kirchengeschichte an der Universität Münster. Früher hätten die Menschen mit großer Treue an den Wallfahrten festgehalten. „Es könnte also sein, dass 2020 tatsächlich zum ersten Mal Wallfahrten ausfallen, die seit mehreren hundert Jahren ununterbrochen stattgefunden haben,“ erklärt Köster. Die Menschen hätten sich früher auch in Seuchenzeiten auf den Weg gemacht. Denn: „Über Infektionsrisiken hat man natürlich sehr wenig nachgedacht, und über Inkubationszeiten und Ansteckungsrisiken und -wege wusste man einfach nichts.“

Als Theologe ermutigt Köster Gläubige, auch in diesem Jahr zu pilgern: „Auch zu Corona-Zeiten sind Wallfahrten möglich und sinnvoll, wenn man die entsprechenden Abstandsregelungen einhält.“ Einzeln zum Wallfahrtsort zu pilgern sei ja denkbar. Man könne „auch dort in der Kirche beten und das Anliegen vor Gott tragen, dass die Menschen, die von der gegenwärtigen Seuche betroffen sind, tatsächlich entweder geheilt werden oder – was die wirtschaftlichen Folgen angeht –, dass es sie nicht so schlimm trifft.“

Vielleicht entstünden in dieser Zeit sogar neue Wallfahrten, oder alte würden wiederbelebt. „Jedenfalls ändert sich an der Grundaussage, dass wir unsere Sorgen und unsere Nöte vor Gott bringen, eigentlich nichts“, sagt Köster. Er ist überzeugt, dass Wallfahrten auch heute eine wertvolle Art sind, sich auf den Weg zu machen.