Serie: Heimat decken - Kempen ohne Burg? Unvorstellbar!

Heimat entdecken : Kempen ohne Burg? Unvorstellbar!

Kempen ohne Burg wäre nicht vorstellbar. Die Führung durch die Burg ist sehr beliebt, die Plätze sind meist schnell vergeben.

Kempen ohne Burg wäre nicht vorstellbar. Der zweiflügelige Backsteinbau mit seinen drei imposanten Rundtürmen gehört seit 600 Jahren zum Stadtbild. Er liegt am Rand des Innenstadtrings inmitten eines Parks mit altem Baumbestand. Täglich durchqueren ihn Menschen auf dem Weg in die Altstadt, gehen dort mit ihren Hunden Gassi oder sitzen bei schönem Wetter auf den Bänken. Wie wichtig den Kempenern ihre Burg ist, zeigte die intensive Diskussion um deren Zukunft in den vergangenen Monaten. Seit kurzem ist es amtlich: Die Stadt Kempen kauft die Burg vom Kreis Viersen für genau 205.500 Euro.

Zurück, müsste man ganz genau sagen. Denn bereits von 1857 bis 1939 hatte die Burg der Stadt gehört. Damals war dort das Gymnasium Thomaeum untergebracht. 1939 hatte der heutige Kreis Viersen die Burg übernommen, sie zu seinem Verwaltungssitz gemacht und dort zuletzt das große Kreisarchiv untergebracht. Wegen des geplanten Baus eines neuen Archivs in Viersen stand die Burg nun zum Verkauf. Dass die Burg in städtische Hand gehört, äußerten bei Umfragen viele Menschen. Zu wichtig ist ihnen dieses Baudenkmal, das nicht nur bei Stadtfesten wie den Highland-Games und dem Mittelaltermarkt mit seiner historischen Kulisse punktet. Auch das Feuerwerk zu St. Martin startet auf den Türmen. Die Funkenkaskaden, die an den Mauern hinunterströmen, bleiben jedem Besucher unvergesslich. Zu Weihnachten senden Bläser  feierliche Klänge in die Altstadt.

Die Kempener kennen und schätzen ohne Zweifel ihre Burg, aber von innen hat sie noch längst nicht jeder gesehen. Dabei gibt es die Möglichkeit, einen der Burgtürme zu besteigen. Unter Aufsicht natürlich. Und im Rahmen einer fachkundigen Führung.

Die einstündige Burgturmbesteigung kann im Kulturamt der Stadt Kempen gebucht werden. Bis zu 25 Personen darf eine Gruppe umfassen. Kostenpunkt 35 Euro. Gehbehinderte Menschen können nicht daran teilnehmen. Warum, das wird jeder, der hier mitmacht, später sofort einsehen. Denn ein wenig abenteuerlich und etwas sportlich wird es schon. Doch jede Burgturmbesteigung beginnt zunächst ganz zivil im ersten Stock des Kulturforums Franziskanerkloster am historischen Stadtmodell.

Zunächst wird theoretisch erläutert, was man später von oben zu sehen bekommt. Und dabei wird gleichzeitig ein gutes Stück Stadtgeschichte vermittelt. Denn das Modell zeigt Kempen um das Jahr 1700, wie Stadtführerin Tina Hirop erläutert. Sie hat heute nur eine kleine Gruppe zu leiten. Dabei ist auch Ernst-Joachim Danz, der demnächst selbst Burgturmbesteigungen führen wird und heute sein „Volontariat“ macht. Er verweist auf die runde Stadtform, den „Rundling“, und nennt Kempen die „Perle des Niederrheins“. Er erläutert anhand des Modells die Unterschiede zum heutigen Stadtbild, etwa die noch vollständig erhaltene Stadtmauer mit ihren vier Stadttoren, von denen heute nur noch das Kuhtor und in Teilen das Petertor erhalten sind.

Die Burg war damals schon 300 Jahre alt. Sie wurde um das Jahr 1400 errichtet, um die Grenze des kurkölnischen Gebiets an der Nordwestgrenze zu sichern. Vom inneren Wassergraben ist noch ein Stück erhalten. Die halbmondförmige Bastion nach Nordosten bildet heute noch „eine Delle“ im Altstadtring. Die Gäste der Führung erfahren, dass die Burg den Sturm der Hessen im Dreißigjährigen Krieg und die Einnahme durch französische Revolutionstruppen überstand.

Sie kam danach in private Hände und brannte fast nieder, als im 19. Jahrhundert im Hof eine Dampfmaschine explodierte. Nach so viel Geschichte geht es dann endlich rüber. Nur einige Gehminuten sind es bis zur Brücke, die hinüber zur Burg führt. So schön und historisch das neugotische Äußere erscheint, so ernüchternd ist es im Inneren. Denn dort wurde die Burg ihrer Funktion als Verwaltungsbau radikal angepasst. Nur der Eingangsbereich mit seinem gotischen Kreuzrippengewölbe verströmt noch historisches Flair.

Danach heißt es vor allem: Treppen steigen. 112 Stufen liegen vor dem Besucher. Anhand des Baustils der Treppengeländer datiert Tina Hirop die Geschosse. Das Erdgeschoss und das erste Geschoss zeugen noch von der Nutzung als Gymnasium im 19. Jahrhundert. Darüber wurde im Stil der 1930-er Jahre die Etage für die Kreisverwaltung eingezogen. Der Besucher durchquert eine Tür und einen altmodischen, leicht verstaubt wirkenden Gang, vorbei an Bürotüren. Hier seien Räume der Volkhochschule und des Kreisarchivs, erläutert Tina Hirop. Vor der Tür am Ende des Gangs bleibt die Gruppe stehen. Ein ziemlich unspektakulärer Zettel mit der Aufschrift 221 a klebt daran.

Doch dahinter beginnt Geschichte pur. Der Besucher befindet sich im nördlichen Turm. Dickes rundes, weiß gekälktes Mauerwerk umgibt ihn. Der Aufstieg beginnt, nicht ohne vorherige Anweisungen. Denn es wird eng, steil und dunkel. „Dafür sind die Geländer mit Lichtschläuchen umwickelt“, erklärt Tina Hirop. Das bläulich-kalte LED-Licht ist tatsächlich eine hilfreiche Orientierung. Es gibt Zwischendecken und auch Fenster, aber der Gruppenmodus gibt nur eine Richtung vor: Nicht stehenblieben, weiter nach oben! Ganz zum Schluss geht es auf eine Art hölzerne steile Hühnerleiter, dann heißt es: Kopf einziehen und einen großen Schritt tun.

Und endlich sieht man wieder Tageslicht. Man ist oben auf der Burgplattform angelangt. Der Weg geht sofort zum Rand der Zinnen, die mit Eisengestänge gesichert sind. Und dann liegt einem Kempen zu Füßen. In mehr als 20 Meter tiefer. Ein wunderbarer Anblick, der alle Besucher begeistert. Es gilt, sich Orientierung zu verschaffen, Vertrautes aus neuer Perspektive zu entdecken. Und dann geht der Blick in die Ferne. Erstaunlich hügelig ist es da. Und grün. Weit geht der Blick. Die Sicht ist heute, trotz oder wegen der Bewölkung, fantastisch. Tina Hirop zeigt nach Süden, führt den Blick anhand markanter Orientierungspunkte, und dann sieht man ihn: den Funkturm von Köln.

Unglaublich.

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