Serie - 725 Jahre Stadtrechte für Kempen (24): Kempen und seine Landwirtschaft

Serie - 725 Jahre Stadtrechte für Kempen (24) : Kempen und seine Landwirtschaft

Hungersnöte erscheinen uns heute unvorstellbar. Aber bis ins 19. Jahrhundert kam es häufiger vor, dass durch Missernten oder Pflanzenschädlinge die Nahrung ausging, dass Seuchen den Tierbestand dezimierten. Zunächst konnten die Menschen nur beten, um Lebensmittelknappheit abzuwenden. Um 1760 und um 1850 setzen in der Kempener Landwirtschaft Modernisierungen ein, die die Ernährung sicherer machen. Ein Rückblick auf die Sorge um das tägliche Brot.

1816 war ein schlechtes Jahr. Das Wetter machte den Menschen zu schaffen: Im Kempener Land waren von 365 Tagen 134 verregnet, zwischen Mai und November öffnete der Himmel fast ununterbrochen seine Schleusen. Die Ernte fiel großenteils ins Wasser, teilweise verfaulte das Getreide auf dem Halm. Die Brotpreise schossen in die Höhe. Rhein und Niers traten über die Ufer. Eine Schneckenplage machte sich breit. Als „Achtzehnhundertunderfroren“ ging das Katastrophenjahr in die Chroniken ein: Symptom einer globalen Klimaveränderung, die bis 1819 anhielt, mit erheblichen Folgen auch für unsere Region. Erst die Ernte des Jahres 1817 brachte eine gewisse Entspannung.

Wichtigste Ursache war der größte, bisher in der Geschichte bekannte Vulkanausbruch: Im April 1815 war es auf der Insel Sumbawa im fernen Indonesien zur Eruption des Tambora gekommen, bis dahin einer der höchsten Gipfel des indonesischen Insel-Archipels. Fünf Tage lang wurden dabei gewaltige Asche-Mengen und vor allem Schwefel-Aerosole, auf 140 Milliarden Tonnen geschätzt, ausgestoßen. Die Teilchen verteilten sich durch Luftströmungen über einen Radius von 1300 Kilometern. Die Verschmutzung der Stratosphäre warf das Klima aus der Bahn, das Jahrzehnt von 1810 bis 1820 wurde zum weltweit kältesten der letzten 500 Jahre. Andere Ursachen kamen hinzu. Dem Tambora-Ausbruch vorausgegangen, vermuten Wissenschaftler, war wohl eine ähnlich große Eruption in Südamerika. Zur Abkühlung trug auch die reduzierte Sonnenaktivität während der ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts bei.

Auch im Kempener Land waren die Auswirkungen des Vulkan-Ausbruchs erheblich. Die Buchweizenernte, berichtet der Schmalbroicher Chronist Heinrich Goertsches, fiel 1816 praktisch aus. Im Oktober wurde der Hafer geerntet, aber die Qualität war so schlecht, dass man davon kaum Brot backen konnte. In den Gebieten Deutschlands, in denen der Hafer zu teuer wurde, schlachtete man massenhaft Pferde; das hat wohl 1817 zur Entwicklung der Draisine geführt, eines hölzernen Zweirads mit Lenkstange, Vorläufer unseres Fahrrads. Das „Weltuntergangswetter“ inspirierte Mary Shelley dazu, „Frankenstein“ zu schreiben. Weitere Beispiele über den Einfluss der Klimaänderung auf Wissenschaft, Malerei und Literatur könnte man noch anführen wie die prachtvollen Sonnenuntergänge, die damals Maler wie Caspar David Friedrich und William Turner festhielten: durch die aufgenommenen Asche- und Schwefelpartikel erschien der Abendhimmel flammend rot.

Diese globalen Zusammenhänge waren den Menschen vor 200 Jahren unbekannt. Für uns ist im Rückblick wichtig: Damals wurden die Ursachen der Veränderungen nachweisbar von der Natur ausgelöst. Dass die derzeit beobachteten Phänomene vor allem von Menschen verursacht sind, dieser Meinung sind mittlerweile 97 Prozent der Experten.

Seit Jahrhunderten steht an der heutigen Terwelpstraße in Kempen das Hagelkreuz, hier auf einer Aufnahme von 1952. Das heutige Steinkreuz wurde 1853 errichtet. Foto: Nachlass Walter Schenk

Als 1819 das Wetter nicht mehr verrückt spielte, konnten die Kempener nur hoffen, dass die nächste Ernte gut würde. Am Hagelkreuz im Norden der Stadt, an der heutigen Terwelpstraße, beteten sie um die Bewahrung vor Unwettern. Aber Missernten kamen immer wieder vor. In seiner 1993 erschienenen Stadtgeschichte hat Friedhelm Weinforth die Jahre 1821/22, 1826/27, 1830/31 als „Teuerungs- und Hungerjahre“ aufgeführt. Das letzte Hungerjahr des 19. Jahrhunderts in Kempen war 1846, als Starkregen im April und anschließende Trockenheit den Roggenertrag im Rheinland halbierten. Gleichzeitig ließ ein aus Amerika eingeführter Pilz die Kartoffelernte praktisch ausfallen. In diesen Katastrophenzeiten waren die meisten Kempener vom Hunger geschwächt, so dass Krankheiten die ausgezehrten Körper mehr beeinträchtigten als sonst. Dadurch ging die Zahl der Todesfälle nach oben. Andererseits nahmen die Verheiratungen ab, weil der Zukunftsoptimismus fehlte.

Kurz: Unsere Vorfahren litten beständig Angst um das tägliche Brot. Sie wussten, wie weh Hunger tut und schätzten auch ein bescheidenes Lebensmittelangebot. War die Ernte gut ausgefallen, dann hatten die einfachen Leute auf dem Land pro Tag und Kopf ein halbes Pfund Roggenbrot und mittags einen Brei aus Erbsen, Rüben und Kohl oder Hirse. Dazu kam die Woche ein halbes bis ein Pfund Butter und, wenn man Kühe oder Ziegen hatte, täglich Milch. Im Sommer kamen Obst und Gemüse aus dem eigenen Garten hinzu. An Sonn- und Festtagen gab` auch Fleisch, meist aus eigener Viehhaltung. 1826 zählte man in der Stadt Kempen noch 215 Häuser mit Milchviehhaltung. Davon waren aber nur 32 wirkliche Bauernhöfe; bei den meisten Familien standen Kühe und Ziegen in einem Verschlag auf dem Hof. Die Gemeinde Schmalbroich, seit 1815 in Personalunion mit Kempen verwaltet, zählte hingegen 186 wirkliche Bauernhöfe, zwischen 15 und 300 Morgen groß. Hier gab es an die 600 Morgen Heide- und Ödland, nicht bewirtschaftet, weil es noch keinen wirksamen Dünger gab.

Erst die Verbesserung der Transportwege durch Eisenbahn und interkontinentalen Schiffsverkehr brachte in den 1870er Jahren neuartige Dünger ins Land wie Guano – nährstoffreiche Exkremente von Seevögeln an den Küsten Perus und Chiles – oder Thomasschlacke, ein phosphorreiches Abfallprodukt aus der Stahlerzeugung. Bis dahin verwendete der Bauer neben dem Stallmist Knochenmehl, Kohlenasche und Sand als Dünger.

Um die Mitte des 18. Jahrhunderts erfährt die Kempener Landwirtschaft eine erste Revolution. Jahrhunderte lang war die Dreifelderwirtschaft betrieben worden. Ein Beispiel: Auf einem Feld wird Wintergetreide, auf einem anderen Sommergetreide angebaut, das dritte bleibt ungenutzt. Dabei wechselten die Anbauformen jährlich, das Feld konnte sich also in jedem dritten Jahr erholen. Etwa seit 1760 wurde der Ackerbau dadurch intensiviert, dass man zwei Fruchtfolgen im Wechsel einführte, so dass die Brache wegfiel. Zum Beispiel wurde in einem Jahr Roggen angebaut, im folgenden Klee. Das hieß: Es gab kein ungenutztes Land mehr. Die Anbaufläche wurde um ein Drittel erhöht, durch den Anbau von Futterpflanzen konnte mehr Vieh gehalten werden. Die verstärkte Viehhaltung wiederum führte zu einem höheren Anfall von Dung, was die Ernteerträge vergrößerte.

Um 1765 gingen die Kempener Bauern durch den Anbau von Futterpflanzen in der Viehhaltung zur Stallfütterung über, um eine höhere Milchleistung pro Tier zu erreichen. Rindviehhaltung, Milchwirtschaft und Ausfuhr von Butter wurden nunmehr die Markenzeichen der heimischen Landwirtschaft. Ein Durchschnittshof im Kempener Land, an die zehn Hektar groß, besaß um 1800 fünf bis sechs Kühe, 100 Jahre später an die 12. Die Kempener Kälber waren weithin bekannt. Fett wurden sie durch die Fütterung mit so genannter Schlempe, einem eiweißreichen Rückstand aus dem Brennen von Kartoffel- oder Getreideschnaps. Daran war in Kempen kein Mangel. 1828 zum Beispiel gibt es hier 32 Brennereien. – Die Zahl der Schweine war wesentlich niedriger; Wald zur Eichel- oder Bucheckernmast war auf den intensiv genutzten Fluren kaum noch vorhanden.

Rückschläge bei der Viehhaltung gibt es durch die Lungenseuche, die in Deutschland erstmals 1792 auftritt. Von 1834 mit einigen Unterbrechungen bis 1847 raffen Epidemien einen großen Teil des Kempener Rindviehs dahin. Am 8. März 1847 stellt die Stadt einen Tierarzt ein, der die Krankheit erfolgreich bekämpft. Seither ist sie nicht mehr aufgetreten. Die frommen Bauern greifen noch auf ein anderes Mittel zurück: Gebete an Schutzheilige. Erstmals 1847 veranstalten die Landwirte aus Kempen und Schmalbroich eine Bittwallfahrt zur heiligen Brigitta, der Schutzpatronin des Viehs, auf den Fürstenberg bei Xanten. Das ist Tradition geworden. Pilger aus Anrath, Grefrath, Hüls und Kempen, hat Eva Scheuss in der Rheinischen Post berichtet, absolvieren heute noch am Mittwoch vor Christi Himmelfahrt mit dem Fahrrad die 50 Kilometer lange Strecke. Aktuell sind es 30 bis 35 Personen. In der Kreuzkapelle auf dem Fürstenberg wird die Heilige Messe gefeiert, dabei wird auch mitgebrachtes Schwarzbrot gesegnet, das später dem Vieh unter das Futter gemischt wird, um Seuchen fernzuhalten. Danach findet noch eine Andacht im Xantener Dom St. Viktor statt, bevor die Pilger wieder in Richtung Heimat radeln.

1952 laden Kempener Bauern Kappes in die Waggons der Industriebahn, des „Schluff“. Foto: Kreisarchiv Viersen

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts zeichnet sich ein zweiter Strukturwandel ab. Nun werden verstärkt Hackfrüchte angebaut wie Kohl, Kartoffeln und Rüben. Ihr Anteil nimmt von 14 Prozent im Jahre 1858 auf 31 Prozent in 1913 zu, während der Getreideanbau von 62 auf 49 Prozent zurückgeht. Die Zeit des berühmten „Kempener Kappes“ bricht an. Die nährstoffreichen, Wasser führenden Böden der Kempener Platte sind für seinen Anbau prima geeignet. Zunächst ist Weißkohl nur für den eigenen Bedarf im Gemüsegarten angebaut worden. Zwei Innovationen machen seinen Anbau in großem Maßstab profitabel: Moderne Lagerhaltung in so genannten Kuhlscheunen mit spitzem Dach und guter Thermik lässt eine bessere Konservierung zu. Ab 1871 ermöglicht die Errichtung der Kreis Kempener Industriebahn, des „Schluff“, den Kappes-Export in die großen westdeutschen Städte. Daraufhin entstehen in Kempen mehrere Betriebe zur Herstellung von Sauerkraut. Als älteste die von Heinrich Steves an der Vorster Straße 10. 1888 beginnt er mit zwei Mitarbeitern, 1900 hat er schon 21. Sie begründen die Legende vom Kempener Sauerkraut. Ein wichtiger Vitamin-C-Lieferant im Winter.