Nina Saroldi ist Translator in Residence in Straelen

Übersetzer zu Gast in Straelen : Eine Freundin von Freud

Die typische Übersetzerin ist Nina Saroldi nicht. Die Professorin aus Rio hat sich der Psychoanalyse verschrieben. In den drei Monaten in Straelen wird sie sich mit „Philosophie des Traums“ von Christoph Türcke beschäftigen.

Einmal das Thema angepiekst, und schon geht es los. Psychoanalytische Theorie ist das Ding von Nina Saroldi. Ihre Doktorarbeit schrieb sie über die „Ethik der Psychoanalyse“.

„Ich bin aber keine Psychoanalytikerin, ich habe keine Praxis“, betont die Professorin. Sie lehrt an der Universidade Federal do Estado do Rio de Janeiro. „An der Uni Rio, das ist einfacher“, sagt sie schmunzelnd. Sonne und Copacabana hat sie für drei Monate eingetauscht gegen einen Schreibtisch und ein Zimmer im Europäischen Übersetzerkollegium (EÜK) in Straelen.

Aber eines vorweg. Nur Samba und Strand, mit dem Vorurteil über ihre Heimat räumt die Brasilianerin erst einmal auf. „Wir Brasilianer arbeiten sehr hart“, sagt Nina Saroldi. „Die meisten Leute arbeiten wie verrückt, weil sie wenig Geld verdienen.“ Nur Tanzen und Strand, das sei ein völlig falsches Image. So eines der Werbeindustrie.

Was sich in ihrem Land tut und die Menschen bewegt, das beschäftigt sie und fließt auch in ihre Arbeiten ein. Als Hommage an den Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud, gibt sie die Reihe „Para ler Freud“ („Freud lesen“) heraus.

Ihr eigener Beitrag dazu lautet „„O mal-estar na civilização – as obrigações do desejo na era da globalização“ („Das Unbehagen in der Kultur – die Pflichten des Begehrens in der Zeit der Globalisierung“). Klingt kompliziert, aber ihr Anliegen ist, Freud den Laien näher zu bringen. „Wir wollen Freud nicht simpel machen, es muss immer noch Freud bleiben“, warnt sie dennoch. In ihrem Beitrag geht es um das „Unbehagen in der Kultur“, das sich seit Freud sehr gewandelt hat. „Wenn man zusammen leben will, braucht es Regeln. Die machen krank“, fasst sie es knapp zusammen. Natürlich ist das Ganze etwas komplizierter. Sie nennt als Beispiel Frauen, die zur Zeit Freuds unterdrückt worden seien. Sie hätten ihre Lust und Sexualität nicht so ausleben können, aufgrund der gesellschaftlichen Zwänge. „Warum sind sie krank geworden? Es war der Kampf zwischen der eigenen Lust und der Erwartung“, fasst Saroldi das Zusammenspiel zwischen gesellschaftlichem Zwang und Psyche zusammen. Frauen hatten sich früher zurückzuhalten. Heute hingegen seien die Erwartungen anders. „Du musst deine Sexualität ganz frei üben, viel Geld verdienen und viel konsumieren“, wirft die Professorin ein paar Schlaglichter auf die heutige Gesellschaft. In ihrer Heimat Brasilien impliziere Sexualität auch, schön und schlank zu sein und jung. Diese Einschränkungen seien das neue Unbehagen. „Hipper Individualismus“ nennt sie, was heute zu zählen scheint.

 Sie bezeichnet sich als „Freundin von Freud“. Da passt es ganz gut, dass sie sich für die Zeit in Straelen Christoph Türckes „Philosophie des Traums“ vorgenommen hat. „Wir sind beide Freunde von Freud“ sagt sie. An der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig in Zusammenarbeit mit Christoph Türcke machte sie ihr Post-Doktorat in Soziologie. Und plötzlich war die Tür zum Übersetzen aufgestoßen.

Das Werk von Türcke übersetzt sie in ihre Heimatsprache, brasilianisches Portugiesisch. „Das steht auch so in Google“, sagt sie lachend. Tatsächlich sei es so, dass ein Buch aus dem Portugiesischem nicht eins zu eins auf dem Büchermarkt Brasiliens erscheinen könne. „Wenn man von Portugal nach Brasilien ein Buch verkaufen will, dann muss mindestens ein Glossar dabei sein“, erklärt die Übersetzerin. Manche Ausdrücke seien anders, und die Aussprache. „Unsere Vokale werden länger gesprochen“, erklärt sie.

Mit der Übersetzung von Christoph Türckes Buch „Philosophie des Traums“ während ihres Aufenthalts im Straelener EÜK kann sie außerdem gleich zwei Leidenschaften miteinander verbinden, die für Freud und die Psychoanalyse und für Sprache.

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