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Projekt soll Altrhein-Röhrichte retten - Naturschutzzentrum lässt Nutria jagen

Naturschutz : Nutrias zerstören Vegetation am Altrhein

Das Naturschutzzentrum in Bienen hat herausgefunden, dass die eingeschleppten Nager für den dramatischen Rückgang der Röhrichte verantwortlich sind. Mit einem Projekt soll die Ökologie wieder ins Lot gerückt werden.

Schon seit längerem ist bekannt, dass Nutria eine Gefahr für Dämme und Deiche sind. Jetzt hat das Naturschutzzentrum des Kreises Kleve in Bienen herausgefunden, dass die vor gut einem Jahrhundert eingeschleppte Tierart auch für den dramatischen Rückgang der Röhrichte am Altrhein verantwortlich ist. Der Biologe Martin Brühne war vergangene Woche in den Bau- und Umweltausschuss der Stadt Rees gekommen, um den Politikern ein Projekt vorzustellen, mit dem die Ökologie wieder ins rechte Lot gerückt werden soll.

Seit Mitte der 1990er Jahre hatte sich in der Vegetation der Naturschutzgebiete in Rees ein zunächst schleichender Wandel vollzogen. Am Bienener Altrhein, am Millinger und Hurler Meer sowie am Empeler Meer sorgten früher vor allem die Röhrichte und Schwimmblattpflanzen für Artenvielfalt. In ganz NRW ein einzigartiges Paradies für Insekten, Vögel und Fische, wie Brühne erklärte. Doch genau diese Pflanzen sind seit gut 20 Jahren auf dem Rückzug. Beim Rohrkolben beispielsweise machte das Naturschutzzentrum einen Rückgang von 96 Prozent aus. „Er ist fast völlig verschwunden“, erklärte Brühne. Ebenso die Seerose. Und auch bei der Schwimmblattvegetation wurde ein Rückgang von 72 Prozent verzeichnet.

 Nutria
Nutria Foto: koster/Koster, Karin (kak)

Den dramatischen Schwund dieser Pflanzen konnten sich die Biologen zunächst nicht genau erklären, hatten aber einen Verdacht. Und der erhärtete sich nach einem Versuchsaufbau. Auf einer künstlich angelegten Insel wurde Rohkolben gepflanzt, der nach gut einer Woche so gut wie verschwunden war. Wie Überwachungskameras zeigten, hatten sich Nutria der für die Nagetiere offenbar leckeren Delikatesse angenommen. Das Problem: „Die Nutria gehen auch an die Wurzel der Pflanzen, die dadurch absterben“, so Brühne. Zudem sorgt das fehlende Wurzelwerk für abgesenkte Ufer, auch dadurch geht Lebensraum für andere Tiere und Pflanzen verloren.

Das Nutria richtet aber noch weiteren Schaden an. Es zerstört Nester von Brutvögeln und frisst Muscheln, in denen wiederum Fische wie der Bitterling ihre Eier legen.

Mit einem von der EU, dem Land Nordrhein-Westfalen, dem Deichverband, dem Kreis Kleve und zweier Stiftungen geförderten 1,8-Millionen-Euro-Projekt hat das Naturschutzzentrum bereits vor gut einem Jahr begonnen, die Reißleine zu ziehen. Das „auf siebeneinhalb Jahre angelegte Life-Projekt Lebendige Röhrichte“ fußt dabei auf zwei Maßnahmen. Zum einen soll der Bestand der Nutria deutlich verringert werden. Zum anderen werden Röhrichte wieder angepflanzt.

Brühne konnte dabei schon von ersten sichtbaren Erfolgen berichten. Im vergangenen Jahr wurden rund 410 Nutria mit speziell entwickelten Lebendfallen gefangen. Geht ein Tier in diese Falle, von denen im Projektgebiet 20 Stück aufgestellt sind, wird ein speziell ausgebildeter Jäger per Sender benachrichtigt. Er tötet dann das Nutria direkt in der Falle. „Schmerz und Leid sollen für das Tier dabei so gering wie möglich gehalten werden“, erklärt Brühne.

Gelangen andere Tiere als „Beifang“ in die Falle, zum Beispiel Katzen, Igel oder Biber, werden sie natürlich wieder freigelassen. Nur Wanderratten und Bisam ereilt das gleiche Schicksal wie die Nutria.

Das Verfahren ist mit allen 28 betroffenen Revierbesitzern abgestimmt. Die Kadaver gehen zum Teil an den Biotopwildpark Anholter Schweiz zur Fütterung der Raubtiere, werden der Fellverwertung zugeführt oder in der Natur für Aasfresser hinterlegt.

Das Projekt zeigt bereits nach einem Jahr Wirkung: Nicht nur, dass offenbar die Zahl der Nutria jetzt deutlich zurückging, auch hat sich der Röhricht-Bestand durch mit Zäunen und Gittern geschützten Anpflanzungen wieder erholen können. Und damit auch die Tierwelt, die von diesen Pflanzen abhängig ist.