Bekannter Pädagoge Udo Baer spricht über Demenz und Trauma

Viele Besucher bewegt : Bewegender Vortrag zu Demenz und Trauma

Der bekannte Pädagoge Udo Baer sprach in seinem Vortrag lebendig und lehrreich über Demenz und Trauma.

Demenz ist ein Thema, das ältere Menschen bewegt, weil sie selbst betroffen sein könnten, und jüngere, weil sie sich um betagte Eltern und Großeltern sorgen. Gesellschaftlich ist es wegen der demografischen Entwicklung ohnehin relevant. Und so füllt Udo Baer mit seinem Vortrag zum Thema „Trauma und Demenz“ mühelos den Saal des Joachim-Neander-Hauses. Eingeladen dazu hatte am Wochenende das Zentrum plus Benrath. Der Pädagoge, Buchautor und promovierte Gesundheitswissenschaftler ist ein engagierter Fürsprecher für die Würde von Menschen.

„Demenzkranke Menschen sind oft unruhig und brabbeln vor sich hin“, sagt Baer und läuft bezeichnend vor dem Publikum auf und ab. „Wir fragen dann, wo sie hinwollen. Besser wäre die Frage, wovor sie weglaufen, setzt der 70-Jährige sein Beispiel fort. 14 Millionen Menschen seien nach dem Krieg vertrieben worden. Und in ihren Herzen seien sie immer noch auf der Flucht. Zwei Millionen Frauen seien gegen Ende des Krieges vergewaltigt worden und das zeige sich im Alter. „Mancher alte Mensch wehrt sich schreiend und um sich schlagend gegen die Intimpflege, weil er denkt, da kommt ein Täter“, beschreibt Baer. Trauma bedeute „Wunde“ und dagegen helfe Verstehen und Trösten, betont der wissenschaftliche Leiter des Instituts für Gerontopsychiatrie. Es gebe „Trigger“, so Baer, Sinneseindrücke wie Geräusche, Düfte und Geschmacksaromen, die Ängste und Trauer wieder lebendig werden ließen. Nach dem Krieg seien die Betroffenen alleine gelassen worden, weil es damals keine Therapeuten oder Selbsthilfegruppen gab. Sprüche wie „Das ist schon so lange her“ oder „Das ist gleich wieder vorbei“ seien nicht hilfreich.

 „Beziehungsverletzungen brauchen Beziehungsheilung“, bringt Baer empatische Hilfe auf den Punkt. Trauern und Trösten sei wichtig. „Jede Träne verringert ein bisschen Leid. Und der Schlüssel ist zu zeigen: Sie sind nicht allein“, erklärt Baer. „Nehmen Sie jemanden in den Arm. Das holt ihn heraus“, betont er. Die Kinder der traumatisierten Generation seien ebenfalls betroffen, denn „sie spüren den Kummer ihrer Eltern“, sagt der Referent.

1,5 Stunden verknüpft Baer das Thema Demenz mit dem Schwerpunkt „Trauma“ – nicht wissenschaftlich, sondern lebenspraktisch, lebendig, lehrreich. Die anschließende Diskussion zeigt, dass Pflegenden und den inzwischen selbst älteren „Kindern“ der Kriegsgeneration manches auf der Seele liegt.„Der alte Herr verfällt zunehmend und fragt nach seiner Frau und seinen Eltern, aber sie sind doch schon lange tot“, schildert dann eine Betreuerin einen Fall und fragt, ob sie ihrem Patienten die Wahrheit sagen sollte. „Ich möchte nicht belogen werden“, sagt Baer und meint weiter, dass die Betroffenen das spürten, so dement sie auch sein. Auch Ablenkung sei keine Alternative. „Der Moment der Begegnung ist kostbar“, ermutigt er zur Wahrheit und zum Trost. Das Ehepaar Bartelheimer gehört zur Nachkriegsgeneration und ist sich nach dem Vortrag einig: „Es war sehr lehrreich.“ „Wir brauchen Geduld“, findet wiederum die Besucherin Hannelore Bartelheimer.

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