Tonhalle : Für Mozart nur die Besten

Anne-Sophie Mutter und das Kammerorchester Wien-Berlin gastierten in der Tonhalle. Die Musiker aus Wiener und Berliner Philharmonikern gaben der Stargeigerin perfektes Geleit.

Zugegeben, wir sind sehr verführt, von Anne-Sophie Mutters hinreißendem Kleid zu schwärmen, dieser knallengen, schulterfreien Nixen-Haut in graublauer Geschenkpapieroptik mit großer Stoffschleife in den Kniekehlen; von der harmonisch schwingenden Eleganz, in der die 55-Jährige ihre außerordentlich tadellose Figur darin über die Bühne schweben lässt. Um dann flugs einen Bogen zu spannen zum Mozart-Spiel der Star-Geigerin, das so elegant und harmonisch schwingend und mit tadelloser Figur einen ganzen Konzertabend das mit offenen Mündern dasitzende Tonhalle-Publikum in seinen Bann zieht. Doch nein. Hier geht es nicht um den schönen Schein, hier (und ihr) geht es um die Kunst. Und das ist zunächst wenig äußerlich.

Denn so sehr Mozart auch die Moden seiner Zeit bediente, ja prägte, seine Musik hätte nicht überdauert, wucherte unter der verspielten, glänzend parlierenden Oberfläche nicht das Unerhörte, die Ironie des Mainstreams, Anarchie. Und wenn Anne-Sophie Mutter ihre Geige zur Hand nimmt, dann flirrt und glitzt und blinkt es natürlich ganz über die Maßen. Immer aber drängt sich Unvorhergesehenes in ihr überlegen virtuoses Spiel. Nach den atemberaubend kontrollieren Springbögen, den rasanten Arpeggien, den girrenden Triller-Kaskaden schaut immer mal wieder ein plötzliches Innehalten um die Ecke. Dann geht die Geigerin aus dem Tempo, zögert einen winzigen Augenblick eine besondere harmonische Wendung heraus, bleibt auf dem Ton einer winzigen Melodie ein ganz kleines bisschen länger stehen, als es die Rhythmus-Polizei erlaubte.

Anne Sophie Mutters Ton ist von solch samtener Schönheit, dass man denkt, man brauche nichts anderes zum Mozart-Glück. Aber dann verweigert sie das Schwingen der linken Hand einfach, spielt ein paar Takte ohne Vibrato, hauchend, lasziv vielleicht, auf jeden Fall aber irritierend, sodass dem Zuhörer das Herz stockt und das Hirn sich abzuarbeiten beginnt an der Frage, was uns die Künstlerin und mit ihr Herr Mozart damit wohl sagen wollen. Ein paar Mal entlockt sie ihrem wunderbaren Instrument mit halbem Bogenhaar Klänge von weichster Sanftheit, dass man meint, einen Tiger schnurren zu hören.

Dann wieder saugt sie sich in die G-Saite, dass der gute Brahms vor Lust aus dem Grabe springen wollte. In den Kadenzen dann rockt sie das alles zusammen, wühlt sich in süffige Doppelgriffe, sprudelt Doppelgriff-Triller hervor, zaubert Oktaven, Flageoletts und all die kleinen und großen Kunststückchen heraus, die so eine Virtuosin halt draufhat. Und bleibt doch immer im Geiste bei dem Wunderkind, dessen Violinkonzerte 2, 3 und 5 das Programm des Abends ausmachen. Wenige Wochen hintereinander entstanden, belegen sie die Entwicklung einer musikalischen Form von der Konvention zur Phantasie.

Nun darf man durchaus begründet anderer Meinung sein als ASM, was Tongebung und Tempo einiger Passagen anbetrifft. Eins aber steht fest: Ihr Mozart lebt, und zwar nicht im Museum. Dafür sorgen beim umjubelten Konzert in der Tonhalle auch 17 Männer, die als Kammerorchester Wien-Berlin eine ausgewiesene Expertise in Sachen Mozart mit sich führen, schließlich sitzen sie, wenn sie nicht gerade mit Frau Mutter auf Europa- und USA-Tournee sind, an den ersten Pulten der Philharmoniker beider (auch musikalischen) Hauptstädte.

Konzertmeister Rainer Honeck muss seinem Ensemble nicht den typisch silbrigen Ton beibringen, aber die Aufmerksamkeit für Anne-Sophie Mutters dezente Eskapaden verlangen höchste Konzentration. Diese Arbeit macht den Könnern hörbar Spaß. Bei Mozarts 1. Sinfonie (nach der Pause) entdecken sie nicht nur Kinderkram, sondern auch ein Piano, das ganz wunderbar beseelt ist. Zwei Zugaben beantworten den allgemeinen Jubel. Mozart natürlich, schnurrende Rondos mit Zuckerwatte.

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