Autodiebe: Schlüssen in Keksdose aufbewahren

Trick gegen Diebstahl : Warum eine Keksdose Ihr Auto schützt

Besitzer teurer Fahrzeuge sollen ihre Autoschlüssel in Metalldosen aufbewahren, rät die Polizei. So könnten Diebe die modernen Schlüssel nicht hacken. In Kempen filmte eine Kamera einen solchen Diebstahl. Das kommt selten vor.

Die Besitzer schlafen tief und fest, als die beiden Gestalten am 14. Mai um drei Uhr nachts die Einfahrt ihres Hauses betreten, vor dem ein Mercedes-Geländewagen abgestellt ist. Innerhalb von nur zwei Sekunden hat einer der beiden die Fahrertür geräuschlos geöffnet und steigt ein, der andere schleicht währenddessen scheinbar unbeteiligt dicht an der Hauswand entlang. Nach weniger als einer Minute fährt einer der Täter mit dem Wagen davon, während der andere zu Fuß verschwindet. Das zeigen die Aufnahmen einer privaten Überwachungskamera, die unserer Redaktion vorliegen.

Es ist eines von sehr wenigen Videos, die belegen, wie Diebe mit der sogenannten Relay-Methode Autos mit elektronischem Schlüssel blitzschnell und gewaltfrei öffnen. Aufnahmen gibt es noch von einem Fall in Leverkusen im März dieses Jahres und aus Großbritannien vom November 2017. Dass es so wenige Videos von der schon länger bekannten Masche gebe, sei der Tatsache geschuldet, dass die meisten Opfer nicht über entsprechende Überwachungskameras verfügen, heißt es bei der Polizei. Daher seien solche Videos wie das aus Kempen für die Ermittler sehr wichtig.

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Wie viele Autos mit Hilfe dieser Methode bislang in NRW gestohlen worden sind, weiß die Polizei nicht. Zahlen dazu liegen kaum vor, weil die meisten Autos nicht wieder auftauchen - und man deshalb nicht weiß, auf welche Weise sie entwendet worden sind.

Autodiebe kommen meist nachts

In NRW wurden im vergangenen Jahr laut Polizei 5860 Autos gestohlen. Hinzu kommen 1210 Versuche. Der dadurch entstandene Schaden liegt bei rund 132 Millionen Euro. Insgesamt ermittelte die Polizei 1857 Tatverdächtige, davon waren 1077 Deutsche, 780 Ausländer und 72 Zuwanderer.

Die Autodiebe schlagen meist nachts zwischen zwei und vier Uhr zu. Oft ist es Auftragsarbeit. Die Hintermänner sitzen in der Regel im osteuropäischen Ausland, sagt Erich Rettinghaus, NRW-Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG). "Das ist organisierte Kriminalität, die dahinter steckt", sagt er.

Die Kriminellen profitieren bei der Masche von der Bequemlichkeit ihrer Opfer. Viele neue Automodelle, insbesondere die hochwertigen, sind längst mit Keyless-Entry-Systemen ausgestattet. Der Besitzer kann sein Auto damit öffnen und starten, ohne den Schlüssel aus der Tasche zu holen. Dabei kommuniziert der Chip im Autoschlüssel mit dem Fahrzeug.

Doch mit einem speziellen Gerät können Autodiebe das Signal abfangen und dem Fahrzeug vortäuschen, dass sich der Schlüssel in der Nähe befindet - und so das Auto öffnen und starten. "Eine Funkwellen-Verlängerung genügt, um das System auszutricksen. Der sogenannte Verlängerer wird von einer Person in die Nähe des Autoschlüssels positioniert. In diesem Fall vor der Haustür", erklärt ein Polizeisprecher. "So wird dem Wagen vorgetäuscht, dass sich der Schlüssel in Wagennähe befindet, und die Diebe können einfach wegfahren."

Genauso ist es offenbar auch in Kempen gelaufen. Dort hat der Täter, der an der Hauswand herumgeschlichen ist, gezielt das Signal des Autoschlüssels im Haus gesucht - und nach Sekunden gefunden. Diese Geräte kosten mehr als 10.000 Euro und sind nicht erlaubt. Im Internet kann man sie aber problemlos kaufen. Man kann sie aber auch für wenige Hundert Euro selbst bauen.

Garage und Metalldose helfen

Um sich gegen diese Masche zu schützen, rät die Polizei, Fahrzeuge möglichst in Garagen zu parken und die Sender bei Keyless-Go-Systemen in Metallbehältern wie Keksdosen aufzubewahren. "Damit die Diebe die Funksignale nicht auslesen können", erklärt Kempens Polizeisprecherin Antje Heymanns. Zudem sollten Funkschlüssel im Gebäude nicht in der Nähe von Fenstern und Außentüren aufbewahrt werden.

Auch Schlüsseletuis mit einer Folie, die die von dem Schlüssel ausgehenden Funksignale abschirmt, könnten die Diebe aussperren. Die Diebe schlagen aber auch vor Supermärkten und Fitnessstudios zu - meist dann, wenn sie anders nicht nah genug an ihr Zielobjekt herankommen. Die Polizei rät deshalb, auch beim Einkaufen die Schlüssel in kleinen Taschen aufzubewahren, die die Funkwellen blockieren.

Aber die Täter stellt ein solcher Diebstahl vor große Herausforderungen. Denn sie können die Autos erstmal nicht ausschalten, weil sie zum Starten wieder das Signal des Schlüssels benötigen. Sind längere Fahrtstrecken Richtung Tschechien, Polen, Weißrussland oder der Ukraine geplant, muss der Tank also einigermaßen voll sein, oder es wird unterwegs aus Kanistern nachgetankt.

Anfällige Technik

Keyless-Funkschlüssel sind nach Ansicht des ADAC deutlich anfälliger für Diebstähle als normale Funkschlüssel. Der Automobilclub hat in den vergangenen Jahren mehr als 180 Modelle getestet. Mit dem Land Rover Discovery von 2018 habe erst jetzt ein Fahrzeug den Test bestanden, sagte eine Sprecherin des ADAC. "Wir sehen die Hersteller in der Pflicht, für Sicherheit zu sorgen und Autofahrern Nachrüstungen anzubieten", betont sie.

(csh)
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