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Buchautor Ferdinand von Schirach: "Ich konnte Großvater Baldur nichts fragen"

Buchautor Ferdinand von Schirach : "Ich konnte Großvater Baldur nichts fragen"

Ferdinand von Schirach lebt mit einem historisch belasteten Namen, unzählige Male wurde er darauf angesprochen: Sein 1907 in Berlin geborener Großvater Baldur von Schirach war ein Nazi, ab 1931 Reichsjugendführer der NSDAP und ab 1941 Reichsstatthalter in Wien, wo er verantwortlich für die Deportation der Wiener Juden war. Baldur von Schirach wurde vor dem internationalen Militärgerichtshof angeklagt und 1946 in Nürnberg zu 20 Jahren Haft verurteilt wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Er starb 1974 in Kröv an der Mosel.

In einem "Spiegel"-Essay erklärt der Enkel, warum er so gut wie keine Antworten auf die Fragen nach Baldur von Schirach geben kann. "Ich konnte Großvater nichts fragen", heißt es. Nur ein einziges Mal will er sich zur Familiengeschichte äußern. Wenn Journalisten Interviews anfragten, lehne er ab.

Die Rückkehr seines Großvaters aus dem Gefängnis habe er vor allem aus Berichten anderer in Erinnerung, aus Erzählungen und von Fotos her. Denn damals war Ferdinand gerade mal zwei Jahre alt. Später zog seine Familie gemeinsam mit dem Großvater in die Nähe von Stuttgart - Erinnerungen führen zu Bildern wie dem, dass der Großvater eine Sammlung von interessanten Gehstöcken besaß und in der Haft auf einem Auge fast erblindet war. Opa und Enkel spielten gern Mühle zusammen; doch als der Enkel hinter den Trick des Alten kam, wie man gewinnt, war auch diese einzige Phase des Miteinanders beendet.

Zuhause habe nie jemand das Wort Gefängnis in den Mund genommen, sondern die Rede war von "Spandau". Ein Besucher hat Ferdinand darüber aufgeklärt, dass sein Großvater lange eingesperrt gewesen war. Seine Mutter habe sehr lange Erklärungen zu den Hintergründen geliefert. "Es muss etwas Schlimmes sein", habe er damals gedacht, ohne jedoch zu verstehen.

Baldur von Schirach verließ dann die Familie, ohne sich zu verabschieden, und zog in ein selbst gewähltes Exil an die Mosel. Kurz vor dem Tod besuchte ihn der Enkel, in seiner Erinnerung war er "ein alter Mann mit Augenklappe". Im Internat habe ihm ein Pater den Nationalsozialismus erklärt, später sei ihm sein Großvater im Geschichtsbuch begegnet. Als angehender Jurist habe er die Nürnberger Prozesse studiert und schließlich alles über das Dritte Reich erfahren. Seinen Großvater, der Kulturmensch war und, während er die Wiener Oper besuchte, gleichzeitig den Hauptbahnhof zum Abtransport der Juden sperren ließ, hat der Enkel nie von Schuld freigesprochen.

(csi)