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Italienischer Bestsellerautor: Zeichenleser Umberto Eco wird 80

Italienischer Bestsellerautor : Zeichenleser Umberto Eco wird 80

Sein Mittelalter-Krimi "Im Namen der Rose" machte den italienischen Bestsellerautor weltberühmt. Immer geht es bei ihm, dem mit 33 Ehrendoktortiteln dekorierten Sprachphilosophen, um Rätsel, um Zeichensysteme, die es zu entschlüsseln gilt, will man die Welt verstehen.

Es ist dieses kleine, so unscheinbare Detail in Umberto Ecos Mittelalter-Roman, das uns aus dem Jahr 1327 und seiner hermetischen Klosterwelt ins offene Feld der Aufklärung hinausführt. Das sind die Augengläser des Franziskaners William von Baskerville, eine damals sehr neuartige optische Hilfe, ohne die der Mönch nicht mehr lesen könnte.

Die Brille ist natürlich ein Zeichen: für Williams forschen Aufklärungsgeist, seinen Willen, in finsterer Zeit den Durchblick zu bewahren, um so die mysteriösen Mordfälle in einer Abtei zu klären. Und dass er sich dabei naturwissenschaftlicher Methoden bedient, weist ihn als einen Menschen der Zukunft aus, der Neuzeit.

In dem großen Mittelalter-Krimi "Der Name der Rose" hat William selbstverständlich einen Widersacher. Der ist der alten Welt verhaftet und einem engen Glauben. Darin kann kein Platz für ein Buch über das Lachen sein, dessen Seite er vorsorglich vergiftet und die Wissbegierigen auf diese Weise für immer zum Schweigen bringt. Jorge von Burgos heißt er, der Gegenspieler des skeptischen und forschenden William — und der ist blind.

Umberto Eco legt mit diesem engstirnigen und dogmatischen Bibliothekar noch eine weitere Fährte, diesmal in die Literatur des 20. Jahrhunderts: direkt zum großen und gleichfalls blinden argentinischen Dichter und Bibliothekar Jorge Luis Borges (1899—1986).

Das alles ist ein kleiner Ausschnitt aus dem großen Roman, mit dem der italienische Philosoph Umberto Eco 1980 schlagartig auch als Schriftsteller weltberühmt wurde. Zu diesem Ruhm dürfte freilich auch die opulente, von Bernd Eichinger produzierte Roman-Verfilmung 1986 beigetragen haben; und unvergessen darin: Sean Connery in der Rolle des William.

Umberto Ecos Literatur hat von Beginn an viel mit seiner eigenen wissenschaftlichen Arbeit zu tun. Denn Umberto Eco ist von Haus aus Semiotiker, ein mit 33 Ehrendoktortiteln dekorierter Forscher, der sich mit Zeichensystemen und ihrer Entschlüsselung befasst. In seinen sechs Romanen aber hat der Schriftsteller Eco den Semiotiker Eco nicht verleugnet — im Gegenteil: Er stand ihm als Pate zur Seite. Aber nur selten so kunstvoll wie im furiosen, über zehn Millionen Mal verkauften Debütroman "Im Namen der Rose".

Wobei die Zeichensprache schon mit dem Titel beginnt, den manche Leser irgendwie in Kauf genommen haben. Der aber bleibt tatsächlich ein Rätsel genau bis zum letzten Satz, und auch dort ist die Lösung nur in lateinischer Sprache zu haben: "Stat rosa pristina nomine, nomina nuda tenemus" — Die Rose von einst steht nur noch als Name, uns bleiben nur nackte Namen. Eigentlich sollte der historische Krimi "Die Abtei des Verbrechens" heißen, bis Eco auf die vieldeutige Rose kam. Weil ein Titel, so der Autor, "die Ideen verwirren, nicht ordnen" solle.

Den Kampf, den William von Baskerville gegen die alte Kirche und die Inquisition führt, ist ein Stellvertreterkampf für Eco. Denn der bekennende Agnostiker reibt sich gern und oft an der katholischen Kirche und ihrer Lehre. Auch diese Konfrontation ist produktiv gewesen und lesenswert geworden. So lieferte er sich mit dem Erzbischof von Mailand, Kardinal Martini, einen erfrischend offenen und schon dadurch inspirierenden Briefwechsel, der unter dem Titel "Woran glaubt, wer nicht glaubt?" erschien. Munter geht es zur Sache in Fragen des Glaubens, und auch wenn Eco in diesem Schriftdialog der Herausfordernde ist, gibt er sich selbst doch zu bedenken: "Wer nicht gläubig ist, glaubt nicht, dass ihn jemand vom Himmel herab beobachtet, und folglich weiß er auch, dass es niemanden gibt, der ihm vergeben kann. Wenn er weiß, dass er Böses getan hat, wird seine Einsamkeit grenzenlos und sein Tod verzweifelt sein."

Umberto Ecos Suche wendet sich nicht nach oben, sondern gehört den Zeichen — jenen der Wissenschaft und jenen der Geschichte. Literarisch ist er ihnen etwa in "Das Foucaultsche Pendel" von 1988, "Die Insel des vorigen Tages" von 1994 und auch "Baudolino" aus dem Jahre 2000 nachgegangen. Jüngst aber widmete er sich — möglicherweise eine Spur alterspessimistisch — den gefälschten und zerstörten Zeichen sowie deren unheilvoller Nutzung.

In "Der Friedhof in Prag" — seit Wochen in den oberen Regionen der Bestsellerlisten zu finden — ist der Erzähler ein Agent und Antisemit, der Ende des 19. Jahrhunderts mit gefälschten Schriften dem Judenhass und den Pogromen des 20. Jahrhunderts Nahrung liefern wird.

Die Deutschen kommen darin bei Umberto Eco, der mit einer Deutschen verheiratet ist, nicht allzu freundlich weg: als laute Menschen, die zum extremen Bierkonsum neigten und eklatante Verdauungsprobleme hätten. Noch ärger geht es gegen jene, die an die Echtheit der Heiligen Drei Könige glaubten. "Und soweit ich weiß, werden sogar ihre sterblichen Reste irgendwo verehrt", heißt es im Roman. Dass dieses "irgendwo" genau Köln ist, muss man Eco verzeihen, schließlich hat er mit der Stadt noch eine alte Rechnung offen: Denn es war der Kölner Erzbischof Rainald von Dassel, der die Gebeine der Magier 1164 aus seinem geliebten und heimatlichen Mailand raubten. In der Köln-Kritik scheint eine ziemlich alte Kränkung zu schlummern.

Umberto Eco, der heute seinen 80. Geburtstag feiert, ist den Zeichen der Welt und der Zeit gefolgt und dabei auch Zeichenzerstörern begegnet: auf Fälscher als Mörder und sogar auf Mönche als Mörder. So bleibt ihm noch diese Herausforderung: "Ein Buch zu schreiben, in dem der Mörder der Leser ist."

Hier geht es zur Bilderstrecke: Umberto Eco - Der Zeichenleser ist tot

(RP/csi)