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Besteseller: Paulo Coelho auf der Reise zu sich

Besteseller : Paulo Coelho auf der Reise zu sich

"Aleph" heißt der neue Roman von Paulo Coelho, der am 3. Januar 2012 in Deutschland erscheint und in 14 Ländern die Bestsellerlisten anführt. Coelho erzählt darin von einer Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn und von fürchterlicher Schuld, die er als Mönch des Mittelalters auf sich geladen hat.

Das hat also schon mal nicht funktioniert: Dass mit "Aleph" ein neues Kapitel in meinem Leben beginnt, wie es die Verlagswerbung dem Leser wie ein dezent wirkendes Gift einzuträufeln hoffte. Auf jeder Seite haben wir darauf gewartet, aber dass sich tatsächlich nichts änderte, liegt sehr wahrscheinlich daran, dass wir darauf warteten und es nicht einfach geschehen ließen.

Auch auf diesem Weg gelangt man mitten hinein ins neue Werk von Paulo Coelho mit seiner magischen und nicht selten obskuren Gott-, Sinn- und Erleuchtungssuche, von der wir uns eigentlich schon mit den ersten drei kleinen Sätzen befreit fühlten: "Nein! Bloß kein neues Ritual! Nicht schon wieder eine rituelle Anrufung!" Und wir erwischten uns dabei, wie wir zu den Worten des vielleicht erfolgreichsten Autors der Welt heimlich Ja, ja, ja riefen.

Aber nicht doch, Coelho bleibt der berührte Glaubenshaderer, dem keine spirituelle Praxis zu komisch erscheint, um nicht auch gleich erprobt zu werden. Und wir Leser dürfen jedes Mal mitstaunen und lernen, diesmal über das titelgebende Aleph. Geschenkt, dass man auch darüber nichts Genaues sagen kann, bis auf die Beschreibung als eine Art paralleles Universum, ein Punkt, "in dem sich alles zur selben Zeit an derselben Stelle findet" — eben auch Dinge, die in der Vergangenheit ungelöst blieben.

Nun gut, so diffus dieses Aleph bleibt, so erfrischend konkret ist es auffindbar. Bei Paulo Coelho lauert es genau im Übergang zweier Waggons der Transsibirischen Eisenbahn, in der der Schriftsteller mit großem Verlagsteam auf Lesereise von Moskau bis Wladiwostok unterwegs ist. Dass auch diese 9288 Kilometer zur Pilgerreise geraten, ist vor allem Hilal zu verdanken, einer 21-jährigen Türkin, bezaubernd, eigenwillig, hilfebedürftig und eine hochgradig talentierte Geigerin. Coelho lernt sie auf einer Lesung kennen und lädt sie — sehr zum Unmut der namenlos bleibenden Verlagsvertreter — zur langen Eisenbahnreise ein.

Im normalen Leben würde man wohl sagen, dass sich der damals knapp 60-jährige Schriftsteller aus Brasilien schwer verguckt hat in die junge Hübschheit. Bei Coelho aber ist alles dann doch ein paar Etagen überhöhter: Schließlich erleben sie gemeinsam das Aleph, worauf er sie nach eigenen Worten zu lieben beginnt "wie ein Fluss". So eine Bahnfahrt kann also nicht nur lustig und nicht nur schön sein, sondern auch zu magischen Pilgerreise werden, zu einem Auszug, "um nach unserem Reich zu suchen".

Das alles ist der Coelho seiner letzten Bücher: von der einen Lebenskrise in die andere reisend, von einer spirituellen Grenzerfahrung zur nächsten. Daran mangelt es auch in Aleph ebenso wenig wie an kaum erträglichen, kitschigen Sätzen wie "Die Liebe ist stärker als der Tod" und "Wie gut es ist, sich wieder wie ein Kind zu fühlen".

Dass "Aleph" am Ende aber doch viel besser ist als die meisten seiner früheren Romane, liegt an Seite 169. Dort erst beginnt die Literatur, da aber dann richtig. Wir verlassen die "Transsib" und reisen ins Jahr 1492. Lesen den furchterregenden Brief eines Inquisitors aus Córdoba, von seiner Rechtfertigung, Folter und Tod dienten immer auch als Gottesbeweise. Das liest sich schauerlich und ist doch nur der Prolog zu einer Hexenverfolgung, an der sich ein junger Dominikaner so schuldig macht, dass er sein Haupt nur noch in eine Kapuze zu stecken wagt.

Und dieser Mönch ist kein anderer als Paulo Coelho, der Seelenwanderer und Wiedergeborene. Seine Ekzeme sind auch nichts anderes als jene Brandmale, die sich der Dominikaner einst in verzweifelter Geißelung selbst zufügte.

Das klingt zwar immer noch verschwurbelt, doch plötzlich bekommt die ganze Geschichte eine neue, gute Spannkraft. Auch, weil man jetzt rekonstruieren kann, warum Coelho zuvor immer wieder Orte aufsuchte, an denen in früheren Jahrhunderten Menschen große Schuld auf sich geladen haben.

Dabei begegnet der Bestsellerautor zwei Prinzipien: dem des Judas, der verrät und sich darauf selbst richtet; sowie dem des Petrus, der verleugnet, aber seine Schwäche in Stärke wandelt und zum Botschafter des Glaubens wird. Fraglos folgt Paulo Coelho dem Petrus-Prinzip. Und schließlich beginnt man düster zu ahnen, warum er Hilal — die er seit "mindestens 500 Jahren liebt" — um Vergebung bittet.

"Aleph" liest sich gut, spannungsreich und am Ende immer schneller. Dass Coelho, der Starautor, sich nach der Rückkehr in Moskau sogar von Putin zu einem Treffen in dessen Datscha einladen lässt und sich damit nicht nur als schuldiger Mönch der Seite der Macht zuwendet, ist pikant. Weil derart finster aber kein Coelho-Roman endet, schließt das Werk mit dem Wiedersehen seiner Frau in Deutschland — gerade noch rechtzeitig zum ersten Spiel der Fußball-WM 2006.

Dieser Roman, entstanden aus einer tiefen Lebenskrise, ist eine "Reise zu mir selbst", hat Coelho jetzt verkündet. Und: "zu hundert Prozent autobiografisch", was man von Autoren auch nicht so oft hört. "Aleph" ist ein ganz und gar ungeschütztes Buch. Ein Roman, dessen Grenzziehung zwischen Fiktion und Wirklichkeit unmöglich ist. Wer es liest, scheint aber dem Leben und Denken Paulo Coelhos bedenklich nahe zu kommen. Vielleicht führt das Buch — das heute in den deutschen Buchhandel kommt — auch deshalb bereits in 14 Ländern die Bestsellerlisten an.

(RP/felt/das/rm)