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Coronavirus: Flughafen Düsseldorf Chef hofft auf Ende der Krise im Sommer

Chef des Flughafens Düsseldorf : „In rund 15 Fällen war ein Passagier mit Corona-Verdacht im Flugzeug“

Thomas Schnalke, der Chef des Airports Düsseldorf sieht die Lage wie nach dem 11. September 2001. Er hofft aber auf den Sommer. Immer neue Verdachtsfälle mit Corona erwiesen sich zum Glück als Fehlalarm. Kurzarbeit schließt er nicht aus. Er rechnet mit Airline-Pleiten.

Herr Schnalke, Lufthansa streicht weltweit rund die Hälfte der Flüge. Wie sehen Sie als Chef des größten Flughafens von NRW die Lage?

Schnalke Wir gehören nicht zu denen, die die Lage beklagen. Wir sind ein gesundes Unternehmen und schauen nach vorne. Aber natürlich ist der Rückgang im Luftverkehr aktuell erheblich. Im ersten Quartal gehe ich von einem Minus zwischen zwölf und 15 Prozent bei der Zahl der Passagiere aus. Damit liegen wir im europäischen Schnitt der Branche. Gerade Geschäftsleute stornieren aktuell viele Flüge, Städtereisen schwächeln, Italien wird kaum noch angeflogen, unsere Verbindungen nach China und Israel wurden unterbrochen. Andererseits laufen Urlaubsziele wie Palma de Mallorca, Malaga oder Alicante zufriedenstellend gut.

Wie geht es weiter?

Schnalke Die wirtschaftlichen Folgen des Corona-Virus sind in etwa mit denen des 11. September 2001 vergleichbar. Das zweite Quartal wird mit hoher Wahrscheinlichkeit schwach. Verlässliche Zahlen haben wir hier noch nicht. Die Situation ist sehr volatil. Aktuell werden zwischen 30 und 115 Flüge der täglich rund 600 Flüge gestrichen. Viele Jets haben deutlich weniger Passagiere als sonst an Bord. Aber ich bin sehr zuversichtlich, dass die Fluggastzahlen spätestens ab Sommer wieder deutlich anziehen werden. Es gibt ein hohes Interesse der Menschen zu fliegen. Auch rechnen wir mit dem einen oder anderen Nachholeffekt.

Könnte es Probleme geben, weil ausgerechnet am 1. Juni eine neue Firma statt Kötter die Sicherheitskontrollen übernimmt?

Schnalke Die Übergabe muss intensiv vorbereitet werden. Wir unterstützen hier, wo wir können. Ich bin sicher, dass sich alle Parteien bewusst darüber sind, wie viel von einem reibungslosen Übergang abhängt. Es wäre jedenfalls fahrlässig, wenn man von dauerhaft niedrigen Passagierzahlen ausgeht. Das Verkehrsaufkommen kann im Sommer sehr schnell wieder auf 2,5 Millionen Passagiere im Monat anwachsen, wenn das Coronavirus in den Köpfen der Menschen in den Hintergrund getreten ist.

2020 wird ein Spätbucherjahr?

Schnalke Ja, viele Urlauber werden sich angesichts der Situation erst relativ spät festlegen. Ich halte es für klug, dass Reisen bei den großen Tourismuskonzernen leicht storniert werden können. Das nimmt den Menschen die Verunsicherung, ob sie ihren Urlaub in ein paar Wochen oder Monaten sorgenfrei antreten können.

Könnte es wieder Rekordzahlen am Airport geben?

Schnalke Wir werden in 2020 weniger Reisende haben als im Rekordjahr 2019 mit 25,5 Millionen Passagieren. Das ist schon heute klar. Trotzdem bleiben wir hier auf einem sehr hohen Niveau. Aber wir müssen die langfristigen Trends sehen: Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 brach der globale Luftverkehr zusammen, aber schon zwei Jahre danach hatten wir so viele Passagiere wie nie zuvor. Nach der SARS-Krise ging es ebenfalls runter, doch schon kurz danach wurde die nächste Rekordmarke überschritten. Der Luftverkehr ist und bleibt in normalen Zeiten eine elementare Stütze unseres globalen Gesellschafts- und Wirtschaftssystems.

Kommt 2020 ein Sparprogramm?

Schnalke Wir sind ein stabiles und gesundes Unternehmen, obwohl der Gewinn 2020 aus bekannten Gründen niedriger ausfallen wird als 2019. Von roten Zahlen sind wir aber weit entfernt. Wir treten gerade mit Augenmaß auf die Kostenbremse, indem wir Projekte verschieben und externe Ausgaben senken. Entscheidend bleibt gleichzeitig, vorbereitet zu sein für eine schnelle Erholung der Passagierzahlen. Es wird eine Zeit nach Corona geben.

Planen Sie Kurzarbeit?

Schnalke Wir planen keine Kurzarbeit. Ausschließen kann ich sie aber nicht. Erst einmal bauen wir, da wo es möglich ist, Überstunden ab.

Wie verhindern Sie, dass ein möglicher Corona-Fall bei Ihnen den Betrieb wegen der dann notwendigen Quarantäne lahmlegt?

Schnalke Unsere größte Priorität gilt dem Schutz unserer Mitarbeiter. Zu diesem Zweck bauen wir die Möglichkeiten der Telearbeit weiter aus, wir grüßen uns nicht mehr per Handschlag, wir achten auf Hygiene und regelmäßiges Händewaschen. Unsere Feuerwehr ist ohnehin in zwei getrennten Wachen untergebracht.

Wie oft kamen in Düsseldorf Jets an, bei denen es Reisende mit Verdacht auf Corona gab?

Schnalke In rund 15 Fällen war ein Passagier mit Corona-Verdacht im Flugzeug. In allen Fällen gab es Entwarnung. Das Zusammenspiel der vielen involvierten Stellen und die Kommunikation mit dem Gesundheitsamt funktionieren hier sehr gut.

Wenn sich ein Corona-Verdacht bestätigt hätte, was wäre geschehen?

Schnalke Der Patient würde in ein Krankenhaus kommen, wenn er Symptome zeigt. Ansonsten in häusliche Quarantäne. Die Entscheidung liegt hier beim Gesundheitsamt. Die Mitreisenden würden informiert und zum Teil gegebenenfalls auf Ansteckung getestet. Auch die Öffentlichkeit würde von einem bestätigten Fall durch die gemeinsame Kommunikation mit der Stadt erfahren.

Wird die Corona-Krise zu weiteren Airline-Pleiten führen?

Schnalke Die Insolvenz der britischen Airline Flybe zeigt, wohin vor allem bei kleineren Airlines die Corona-Krise führen kann. Wir werden mit hoher Wahrscheinlichkeit eine weitere Konsolidierung im Airlinemarkt erleben, nachdem in der Vergangenheit in Deutschland ja bereits Air Berlin und Germania aufgeben mussten.

Was wird aus den Start- und Landerechten von Flybe in Düsseldorf?

Schnalke Flybe hielt rund 6.000 der derzeit jährlich 220.000 Slots in Düsseldorf. Die Ziele Manchester und Birmingham werden aber auch von anderen Airlines bedient. Ich rechne damit, dass die freigewordenen Slots wegen der hohen Nachfrage schnell neu vergeben werden. Da mache ich mir keine Sorgen. Viele Airlines wollen in Düsseldorf mehr machen. Auch darum haben wir ja höhere Kapazitäten beantragt.

Steigen die Ticketpreise, weil immer weitere Airlines aufgeben müssen?

Schnalke Einen gewissen Aufwärtstrend hatten wir ja schon. Das weitere Preisniveau lässt sich schwer prognostizieren, wir haben weiterhin einen gesunden Wettbewerb.

Sollte der Staat strauchelnden Airlines helfen?

Schnalke Grundsätzlich sollte immer der freie Markt entscheiden. Wenn der Staat aber hilft, einer ansonsten gesunden Airline in einer unverschuldeten Krise unter die Arme zu greifen, kann das sinnvoll sein. Bei Condor hat das ja gut funktioniert.

Stimmt es, dass Condor ab Herbst einen Langstreckenjet in Düsseldorf stationiert?

Schnalke Das hat die Condor bereits kommuniziert. Weil Tuifly gleichzeitig zwei neue Langstreckenjets neu bei uns stationiert, kommen wir dann mit Eurowings auf sieben hier stationierte Jets für Überseeflüge. Das ist eine tolle Entwicklung.

Wird die Corona-Krise dazu führen, dass die regionalen Flughäfen in NRW aufgeben müssen?

Schnalke Nein, ich sehe eine gesunde Arbeitsteilung. Wir sind als drittgrößter deutscher Flughafen NRWs Tor in die Welt. Rund zehn Prozent unserer Reisenden nutzen einen Langstreckenflug, ein hoher Wert gemessen daran, dass wir kein typischer Drehkreuz-Airport sind. Dann haben wir Köln-Bonn mit der besonderen Stärke von Frachtflügen. Und die kleineren Flughäfen decken jeweils einen wichtigen regionalen Bedarf.

Weeze kann aber nur dank einer neuen Hilfe des Kreises überleben.

Schnalke Weeze ist ein wichtiger Airport für das deutsch-niederländische Grenzgebiet. Die sechs NRW-Flughäfen ergänzen sich sehr gut. Und alle haben wir aktuell mit den Marktveränderungen zu kämpfen. Bis 2024 müssen speziell die kleineren Flughäfen strenge finanzielle Richtlinien der EU erfüllen. Das ist wichtig für einen fairen Wettbewerb. Die konkrete Situation in Weeze kann ich aber nicht beurteilen.

Wie sollte die Politik gegen die Folgen der Corona-Krise vorgehen?

Schnalke Wir müssen die gesamte Wirtschaft vor den Auswirkungen der Krise schützen. Darum begrüße ich etwa flexible Regeln zur Kurzarbeit. Darum sollten die Steuern sinken, die Erhöhung der Luftverkehrssteuer ab 1. April sollte zurückgenommen werden. Und gleichzeitig brauchen wir langfristige Impulse.

Das bedeutet?

Schnalke Wir müssen die Infrastruktur in Deutschland stärken. Wir brauchen mehr Investitionen in Digitalisierung und Innovationen. So sollten wir eine Versuchsfabrik zur Produktion von synthetischem Kerosin aufbauen. Das würde uns helfen, die Luftfahrt auf Dauer klimaneutral zu machen und ist definitiv ein Markt der Zukunft.

Wie bewerten Sie den von US-Präsident Trump verhängten Einreisestopp für Europäer? Werden andere Länder folgen?

Schnalke Die Situation in ihrem Land können die US-Amerikaner am besten einschätzen. Die Entscheidung des Präsidenten zeigt aber, wie nervös und verunsichert die Gesellschaft, die Märkte und die Politik auf die für uns alle neue Situation reagieren. Es versteht sich von selbst, dass diese Entscheidung den internationalen Luftverkehr weiter treffen wird.