„Wir beobachten einen Rechtsruck“ Warum so viele junge Menschen AfD wählen würden

Düsseldorf · Junge Menschen in Deutschland leiden offenbar stärker unter den großen Krisen als bislang angenommen. Doch es sind nicht nur Geldsorgen, die sie plagen. Geht der Trend deshalb politisch nach rechts?

Junge Menschen leiden unter den großen Krisen dieser Welt.

Junge Menschen leiden unter den großen Krisen dieser Welt.

Foto: dpa/Karl-Josef Hildenbrand

Über die junge Generation gibt es viele Vorurteile: Sie sei faul, fordernd, frech – und vor allem nicht bereit, so viel zu arbeiten wie ihre Eltern und Großeltern. Vier-Tage-Woche, mehr Lohn, eine gesunde Work-Life-Balance – Begriffe, die Arbeitgeber nur ungern in den Mund nehmen und – wenn man zahlreichen Analysen der älteren Generation Glauben schenken mag – inzwischen zu den Standard-Ansprüchen junger Menschen zählen. Doch warum sollte die Generation Z, also die zwischen 1995 und 2010 Geborenen, überhaupt höhere Erwartungen an ihren Beruf stellen? Und was bereitet ihr so große Sorgen, dass sie als so viel sensibler als ihre Vorgänger-Generationen wahrgenommen wird?

Die repräsentative Trendstudie „Jugend in Deutschland 2024“ soll Antworten liefern. 2042 junge Menschen im Alter zwischen 14 und 29 Jahren wurden dafür im Januar und Februar online befragt; in diesem Jahr erscheint die Erhebung bereits zum siebten Mal unter der Leitung von Jugendforscher Simon Schnetzer, fachlich begleitet wurde sie von Bildungsforscher Klaus Hurrelmann und Kilian Hampel (Universität Konstanz).

Die Ergebnisse sind erschreckend: Noch nie waren die jungen Menschen in Deutschland so pessimistisch wie jetzt. Sie bewerten ihre Lebensqualität nur noch halb so positiv wie vor einem Jahr, die Mehrheit geht davon aus, dass sich die wirtschaftliche Situation weiter verschlechtern wird und der mangelnde gesellschaftliche Zusammenhalt sowie die politischen Verhältnisse bereiten vielen große Sorgen. Am meisten Angst macht den 14- bis 29-Jährigen aber offenbar ihre finanzielle Situation: Fast zwei Drittel (65 Prozent) gaben dabei die Inflation als Grund an, auf dem zweiten Platz landen die Kriege in Europa und Nahost (60 Prozent) und Platz drei belegt der teure und knappe Wohnraum (54 Prozent), der bei der letzten Erhebung vor einem Jahr noch keine Antwortmöglichkeit darstellte. Fast die Hälfte der Befragten (49 Prozent) hat außerdem das Gefühl, die Spaltung der Gesellschaft würde nach und nach voranschreiten; ebenso viele sorgen sich um die Klimakrise – 54 Prozent gehen sogar davon aus, dass die meisten Menschen in Deutschland den Ernst der Lage bei diesem Thema noch immer nicht verstanden haben, etwas mehr als ein Viertel (26 Prozent) gibt an, (eher) nicht daran zu glauben, dass die Folgen des Klimawandels noch eingedämmt werden können und 44 Prozent ist es wichtig, selbst etwas zum Umweltschutz beizutragen. Und auch das Thema Altersarmut (48 Prozent) ist sehr präsent in den Köpfen der jungen Menschen.

Kein Wunder, dass rund elf Prozent der Befragten angibt, wegen psychischer Störungen behandelt zu werden. Das spiegelt sich auch in den weiteren Antworten wider: Mehr als die Hälfte (51 Prozent) leidet unter Stress, mehr als ein Drittel (36 Prozent) unter Erschöpfung, rund ein Drittel unter Selbstzweifeln (33 Prozent) und 17 Prozent unter Hilflosigkeit. 8 Prozent sprechen sogar von Suizidgedanken. „Unsere Studie dokumentiert eine tiefsitzende mentale Verunsicherung mit Verlust des Vertrauens in die Beeinflussbarkeit der persönlichen und gesellschaftlichen Lebensbedingungen“, sagt Studienleiter Schnetzer.

Dazu beigetragen haben wohl auch Smartphones und die sozialen Medien, die in jeder Sekunde abrufbar sind – und mit denen sich viele junge Menschen über das informieren, was auf der Welt so passiert. Mehr als die Hälfte nutzt ihr Handy mehr, als ihr lieb ist, 42 Prozent sind gar der Auffassung, dass ihr Leben ohne Smartphone gar nicht funktionieren würde und mehr als ein Drittel (34 Prozent) attestiert sich sogar eine Handysucht. Die Auswirkungen auf die psychische und physische Gesundheit sind schon jetzt spürbar: Bei 28 Prozent hat sich das Selbstbild verschlechtert, weil sie ihr Aussehen und ihr eigenes Leben ständig mit dem von anderen Menschen auf Instagram, TikTok und Co. vergleichen. Und 26 Prozent schlafen wegen ihres Smartphone-Konsums weniger, als es nötig wäre.

Doch nicht nur das ist besorgniserregend. Auch die politische Haltung der 14- bis 29-Jährigen kann man als ein Warnzeichen verstehen: Wenn kommenden Sonntag Bundestagswahl wäre, würde die AfD die meisten ihrer Stimmen erhalten (22 Prozent). 20 Prozent gaben an, für die CDU/CSU stimmen zu wollen, 18 Prozent für die Grünen, 12 Prozent für die SPD und acht Prozent für die FDP. Dazu passt auch, dass sich mehr als 40 Prozent über die „Zunahme von Flüchtlingsströmen“ sorgten, wie es in der Studie heißt. „Wir können von einem deutlichen Rechtsruck in der jungen Bevölkerung sprechen“, sagt Bildungsforscher Hurrelmann.

Er und seine Studienkollegen sehen dringenden Handlungsbedarf: Die jungen Menschen müssten endlich gehört, ihre Sorgen ernstgenommen werden. „Bei vielen entsteht nämlich gerade der Eindruck, dass der Staat sich nicht um sie kümmern würde“, so Hurrelmann. Dabei seien die meisten durchaus dazu bereit, Verantwortung zu übernehmen – für den Wohlstand in Deutschland und für eine gute Zukunft aller.

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