Handball-Bundesliga: Bergischer HC kann THW Kiel in Düsseldorf zum Meister machen

Handball-Bundesliga : Bergischer HC kann Kiel zum Meister machen

Am letzten Spieltag der Handball-Bundesliga empfängt der BHC im Düsseldorfer ISS Dome den Meister SG Flensburg-Handewitt. Mit einem Sieg könnten die Löwen ihren Ex-Spieler und -Sportdirektor Viktor Szilágyi in Diensten des THW Kiel zu Meister machen.

Viktor Szilágyi hat in rund 16 Jahren in der Handball-Bundesliga weit über 1000 Tore geworfen, viele waren spielentscheidend. Wenn es eng wurde in den letzten Sekunden, wusste in der Regel jeder in der Halle, dass der Mittelmann den Ball bekommt und ihn entweder mit einem seiner präzisen Schlagwürfe ins Tor befördert oder den Wurf antäuscht und daraus dann einen freien Mitspieler oder die Lücke in der Deckung findet. So war es auch in vielen Spielen des Bergischen HC, bei dem der Österreicher seine Karriere mit einer schweren Knieverletzung im Februar 2017 beenden musste.

In der aktuellen Saison, die am Sonntag endet, hat Szilágyi indes die Entscheidung nicht wie früher als Spieler selbst in der Hand. Als Sportdirektor des THW Kiel, zu dem er aus derselben Funktion beim BHC im Januar 2018 wechselte, muss er darauf hoffen, dass Tabellenführer SG Flensburg-Handewitt sein letztes Spiel verliert, während die Kieler selbst ihr Heimspiel gegen Hannover-Burgdorf gewinnen. Dann wären die beiden Nordklubs zwar punktgleich, der THW würde allerdings dank des deutlich besseren Torverhältnisses Meister. Und daher schauen die Kieler am Sonntag mit einem Auge nach Düsseldorf, wo Flensburg ab 15 Uhr im ISS Dome antritt – beim Bergischen HC.

Dass der ehemalige Klub seinem aktuellen die Meisterschaft bescheren kann, ist für Szilágyi natürlich eine besondere Konstellation. „Das ist tatsächlich etwas Spezielles“, sagt der 40-Jährige im Gespräch mit unserer Redaktion. „Nach fünfeinhalb Jahren beim BHC kenne ich da noch viele Spieler, mit denen ich gerne zusammengespielt habe oder an deren Verpflichtung ich noch beteiligt war. Dass es jetzt am letzten Spieltag diese Konstellation gibt, ist auf jeden Fall besser, als wenn wir gegeneinander hätten kämpfen müssen.“ Szilágyi ergänzt: „Wir können dem BHC nächste Saison sicherlich einen schönen Empfang in Kiel bereiten, wenn er Flensburg schlagen sollte. Aber der BHC braucht bestimmt keine Extra-Motivation, es geht für ihn ja – wie ich es gehofft habe – auch noch um etwas.“

Denn die Bergischen sind als Tabellensiebter punktgleich mit den Füchsen Berlin auf Rang sechs, der in den EHF-Cup – den zweitwichtigsten europäischen Klubwettbewerb – führt. Der BHC hat also tatsächlich am letzten Spieltag noch Chancen auf den Einzug nach Europa – und das als Aufsteiger. Das Team von Trainer Sebastian Hinze hat eine überragende Saison gespielt und alle möglichen Klubrekorde gebrochen. „Wir haben uns auch desöfteren mal kneifen müssen, um zu realisieren, wie gut es läuft“, sagt BHC-Kapitän Kristian Nippes. „Wir freuen uns unfassbar und sind auch stolz. Als Aufsteiger auf Platz sieben zu stehen, ist keine Selbstverständlichkeit.“

Dass sein Team am letzten Spieltag noch Chancen auf Europa hat, freut Nippes, er weiß aber, wie schwer es wird: „Wir haben es ja nicht in der eigenen Hand“, sagt der gebürtige Solinger mit Blick auf die Füchse, die parallel mit einem Sieg im Heimspiel gegen die HSG Wetzlar Rang sechs behalten würden. Außerdem ist da der eigene Gegner: „Flensburg spielt eine überragende Saison und steht verdient auf Platz eins“, sagt Nippes und fügt an: „Wir sind Außenseiter, aber solange wir sieben Leute auf der Platte haben, werden wir versuchen, das Spiel zu gewinnen.“

Damit spricht der Halbrechte die personelle Situation der Bergischen an, die zum Saisonende noch einmal prekär geworden ist. Daniel Fontaine (Achillessehnenriss) und Madziej Madzinski (Kreuzbandriss) sind schon länger außer Gefecht, es gesellten sich Max Darj (Daumenbruch), Bogdan Criciotoiu (Entzündung in der Schulter) sowie die ebenfalls angeschlagenen Max Bettin, Linus Arnesson und Fabian Gutbrod hinzu. „Zuletzt in Minden hatten wir die ganz üble Konstellation, dass wir nur noch vier Rückraumspieler, davon einen A-Jugendlichen, hatten“, erinnert Nippes. Dennoch gewann der BHC 35:32, zur Verfügung stellte sich auch Abwehrchef Csaba Szücs, dessen Hände allerdings mehr aus Tape denn aus Fleisch zu bestehen schienen. „Der kann keinen Ball anpacken und wollte trotzdem unbedingt helfen, auch wenn Verletzungen an beiden Händen natürlich kontraproduktiv für einen Handballer sind“, sagt Nippes.

Szücs’ Einsatz illustriert einen Zusammenhalt im Team, der sich bereits in der vergangenen Saison entwickelt hat, als der BHC durch die Zweite Liga pflügte. „Wir hatten nach dem Abstieg 2017 einen großen Kaderumbau, haben aber dann in der Zweiten Liga schon gesehen, dass es gut funktioniert, weil wir eine viel größere Breite im Kader hatten“, sagt Nippes. Die ist durch die vielen Verletzungen zwar nun beeinträchtigt, so dass der BHC-Kapitän auch nicht weiß, wer am Sonntag gegen Flensburg auflaufen kann. Aber er freut sich auf die Partie in Düsseldorf: „Der ISS Dome ist eine tolle Halle. Und dadurch, dass auch viele Flensburger da sein werden, wird es sicher eine tolle Stimmung geben. Dafür macht man doch Sport“, sagt Nippes.

Und für große Spiele – etwa gegen den aktuellen Deutschen Meister, der die erste Titelverteidigung seiner Vereinsgeschichte anstrebt. „Egal, ob der Deutsche Meister am Ende vier oder sechs Minuspunkte hat, er hat eine tolle Saison gespielt“, findet Szilágyi mit Blick auf Flensburger und Kieler, die jeweils die Heimspiele gegeneinander gewannen und kurioserweise beide gegen den SC Magdeburg verloren. Da der THW auch im Heimspiel gegen den SCM unterlag, steht er hinter Flensburg und muss auf eine Überraschung durch den BHC hoffen. Doch Szilágyi betont: „Wir sind tatsächlich ganz entspannt. Wir haben in dieser Saison schon zwei Titel feiern dürfen im DHB-Pokal und EHF-Cup. Die Meisterschaft wäre jetzt die absolute Draufgabe. Es ist jetzt schon eine sehr erfolgreiche Saison.“ Dennoch wird Kiel am Sonntag dem BHC sicher die Daumen drücken.

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