WM 2018: Berti Vogts findet den Verbleib von Joachim Löw gut

WM-Kolumne von Berti Vogts : Löw, DFB, Vereine – alle müssen sich hinterfragen

Unser Autor Berti Vogts findet, dass Joachim Löw die Chance verdient hat, die richtigen Schlüsse aus dem WM-Aus zu ziehen. Doch er sieht auch die Bundesliga in der Pflicht – und bei der WM Mannschaften, die mit deutschen Tugenden erfolgreich sind.

Ich bin sehr froh, dass Joachim Löw Bundestrainer bleibt. Das ist gut für den DFB und für den deutschen Fußball. In meinen Augen gab es keine Alternative zu Löw. Er hat die Chance verdient und wird die richtigen Schlüsse aus dem WM-Debakel ziehen. Allerdings hoffe ich, dass auch die Trainer der Bundesliga-Vereine bei dieser Weltmeisterschaft genau hinschauen. Denn das, was in der Bundesliga im Argen liegt und was sich in der vergangenen Saison außer beim FC Bayern in den internationalen Wettbewerben abgespielt hat, ist ein Grund für die Probleme, die wir bei der WM hatten. Löw, der DFB, aber auch die Liga und die Vereine müssen sich hinterfragen.

Querdenken ist dabei erlaubt, und auch der Blick hinüber zu anderen Fußballnationen. Es darf aber keinen blinden Aktionismus geben. Darum sollten jetzt erstmal alle vier, fünf Wochen Urlaub machen und komplett abschalten. Ad hoc irgendetwas zu entscheiden, wäre nicht ratsam. Dafür sind noch zu viele Emotionen da, die einen klaren Blick auf die Dinge verhindern. Und der ist wichtig bei der Analyse des Ist-Zustands.

Eines muss ich zudem klar feststellen: Wie ich mir die WM in Russland so anschaue, sehe ich, dass alle Teams, die mit deutschen Tugenden unterwegs sind, noch dabei sind. Die Mannschaften, die immer noch mit Ballgeschiebe, Abwarten und hohen Passquoten arbeiten, Deutschland, Spanien, aber auch Argentinien, sind schon wieder daheim.

Uruguay spielt extrem deutsch – deutsch in einer guten Weise, die unsere Nationalmannschaft bei diesem Turnier nicht an den Tag gelegt hat. Suarez und Cavani sind tolle Spieler, aber beeindruckend ist für mich vor allem die Art, wie sie im Dienst der Mannschaft zusammenspielen. Sogar bei Brasilien sehe ich Teamgeist statt Egoismus, da kommt dann noch die typische Spielkunst dazu. Neymar sollte sicherlich seine Mätzchen lassen, das hat er doch gar nicht nötig. Aber Brasilien hat aus der WM 2014 gelernt.

Wer mir sehr imponiert ist Gareth Southgate – und das nicht nur, weil er als erster englischer Trainer ein Elfmeterschießen gewonnen hat. Er hat das übliche 4-4-2 der Engländer aufgelöst und eine starke Fünferkette aufgebaut. Klasse! Und dann die Stärke bei den Standards, da zittert jeder Gegner schon, bevor der Ball gespielt wird.

Harry Kane ist der Anführer des Teams, er macht die Tore, holt sich aber auch die Bälle weiter hinten. Ein echter Mittelstürmer, der mitten drin ist in der Mannschaft. Wenn ich ihn sehe, denke ich wehmütig zurück an Typen wie Uwe Seeler oder Gerd Müller. Kane ist die moderne Version dieser Stürmer. Es klingt fast verrückt, aber ich muss es so sagen: Diese englische Mannschaft spielt deutscher als das deutsche Team. Das zeigt mir nebenbei, dass wir in den vergangenen Jahren nicht alles falsch gemacht haben. Aber Typen wie Kane haben wir im Moment leider nicht.

Auch die Franzosen leben uns vor, wie das mit dem Teamgeist geht. Sie sind mein Top-Favorit auf den Titel, die Franzosen haben eine tolle Mischung und wirken sehr reif. Belgien ist anfällig, das hat das Spiel gegen Japan gezeigt. Aber das muss ich sagen: Das Tor zum 3:2 der Belgier muss dringend in jedes Lehrbuch aufgenommen werden. Wie dieser Konter ausgehend vom Torwart aufgezogen war, war nahezu perfekt. Wenn ich solche Szenen sehe, weiß ich, warum ich den Fußball liebe. Trotzdem wird es eng für die Belgier. Sie treffen auf Brasilien – das ist eigentlich ein Spiel für das Halbfinale, ebenso wie Frankreich gegen Uruguay.

Diese Konstellation eröffnet den anderen Chancen. Wenn die Kroaten weiter die Egoismen unterdrücken, kann es auch ihr Turnier werden. Allerdings sollten sie die Russen nicht unterschätzen. Die machen sehr viel aus dieser WM. Alle acht Mannschaften, die noch dabei sind zeigen, dass das Wort ‚Mannschaft‘ nicht nur ein Etikett sein darf, sondern gelebt werden muss.

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