Die WM aus Amateursicht Brasilien überzeugt auch im Schatten der Traumtore

Meinung | Fussball · Nach den Achtelfinalpartien bei der WM schreibt Union Nettetals Trainer Andreas Schwan über die Ausgewogenheit zwischen Offensive und Defensive, wie Marokko die Sensation gegen Spanien gelingen konnte und welchen Wert Casemiro für das brasilianische Spiel hat.

 Casemiro (l.) ist das Herzstück im brasilianischen Mittelfeld.

Casemiro (l.) ist das Herzstück im brasilianischen Mittelfeld.

Foto: AP/Manu Fernandez

Im Achtelfinale hat sich meiner Meinung nach erneut gezeigt, dass es bei dieser Weltmeisterschaft auf eine stabile Defensive ankommt: Keines der siegreichen Teams hat im ersten K.o.-Spiel mehr als ein Gegentor kassiert. Das war ja bereits mein Fazit nach der Vorrunde und hat sich nunmehr bestätigt.

Andreas Schwan ist Amateurtrainer beim Oberligisten SC Union Nettetal und schreibt während der Weltmeisterschaft in Katar über seine Erkenntnisse.

Andreas Schwan ist Amateurtrainer beim Oberligisten SC Union Nettetal und schreibt während der Weltmeisterschaft in Katar über seine Erkenntnisse.

Foto: Heiko van der Velden

Natürlich haben die Top-Nationen wie Brasilien, Frankreich, Portugal mit ihren unheimlich guten Offensivkräften auch viele Tore geschossen – entscheidend für den weiteren Erfolg wird aber die Torverteidigung sein: Du brauchst eine stabile Defensive, um die Balance im Team herzustellen. Eine Sache, die den Teams aus der deutschen Gruppe nicht gelungen ist. Vielleicht ist deshalb von ihnen auch keine mehr im Turnier vertreten.

Die beste Mischung aus einer brutal starken Offensive und einer überragenden Defensive hat momentan Brasilien. Im Schatten der Traumtore wird von der Abwehrkette und den defensiven Mittelfeldspielern super Arbeit geleistet, damit gefährliche Situationen im Spiel gar nicht erst entstehen.

Der wichtigste Mann ist für mich dabei Casemiro von Manchester United: Ein Staubsauger vor der Abwehr, der mit seiner Physis und seiner Erfahrung auch gegen Südkorea wieder ein überragendes Spiel gemacht hat.

Ich möchte mir gar nicht anmaßen, einen Spieler aus meinem Oberliga-Kader mit einem Weltstar wie Casemiro zu vergleichen, doch das Grundprinzip eines stabilen, zentralen Mittelfeldes verfolgen wir auch in Nettetal. Im Team haben wir mit den 30-jährigen Lukas Hartmann und Tugrul Erat zwei erfahrene Spieler sowie den talentierten Max Köhler – allesamt physisch extrem starke Sechser. Daneben kommt meistens Peer Winkens zum Einsatz – ein Mittelfeldspieler, der über seine Laufstärke und die Quirligkeit kommt. Das ergänzt sich sehr gut und wird nach hinten von den zweikampfstarken Innenverteidigern Pascal Schellhammer und Nico Zitzen abgesichert.

Der Sensationserfolg von Marokko gegen Spanien hat im Achtelfinale noch eine weitere Sache deutlich gemacht: Mit Disziplin, Leidenschaft und der richtigen Einstellung kann jeder Gegner bezwungen werden. Das sind für mich die Basistugenden im Fußball. Wenn man die nicht auf den Platz bringt, braucht man sich über fußballerische Qualitäten und inhaltliche Zielsetzungen gar nicht unterhalten.

Und auch das gilt im Profi- wie im Amateurbereich. Bei unserem Auswärtsspiel in der Grotenburg hatten wir auf dem Papier gegen Uerdingen eigentlich auch keine Chance. Dafür ist die individuelle Qualität im Kader des KFC einfach zu hoch. Dennoch haben wir dort sensationell mit 3:2 gewonnen.

Wie bei Marokko brauchst du für solche Überraschungen natürlich auch noch ein wenig Spielglück an dem Tag und einen starken Keeper zwischen den Pfosten: Beides hatten die Marokkaner gegen Spanien – und auch wir beim Sieg gegen den KFC in Uerdingen.

Andreas Schwan ist Trainer des Oberligisten SC Union Nettetal. Während der WM in Katar blickt er in seiner Kolumne regelmäßig aus dem Blickwinkel eines Amateurtrainers auf das Turnier.

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