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Fortuna Düsseldorf und Friedhelm Funkel: So lief die Posse ab

Protokoll eines PR-Desasters : So lief die Posse um Friedhelm Funkel ab

Alle Beteiligten bei Fortuna Düsseldorf werden die letzten Stunden im Wintertrainingslager und alles, was darauf folgte, nicht vergessen. Eine Rekonstruktion der Eskalation und der anschließenden Rolle rückwärts.

Am Freitagvormittag sieht alles nach einem normalen Ende des Trainingslagers von Fortuna Düsseldorf in Südspanien aus. Dann eskaliert die Situation rund um die Vertragsverhandlungen mit Trainer Friedhelm Funkel. Am Ende eines öffentlichen PR-Desasters steht der Verein als Lachnummer der Fußball-Bundesliga da und versucht sich nun in Schadensbegrenzung. Eine Rekonstruktion der Ereignisse:

Alles beginnt am Freitag um 13.30 Uhr. Als sich die Medienvertreter auf die Plastikstühle neben dem Pool im Teamhotel Meliá Marbella Banús setzen, glauben sie, dass nun das obligatorische Abschlussgespräch mit Trainer Friedhelm Funkel ansteht. Doch es gibt Hinweise, dass etwas anders ist: Am Tischende stehen zwei leere Stühle statt nur einem. Und am anderen Ende des Pools diskutiert Funkel mit dem Vorstandsvorsitzenden Robert Schäfer. Wenige Augenblicke später sitzen beide nebeneinander am Tisch. Schäfer erklärt, dass der Coach leider abgelehnt hat, die Vertragsgespräche über den Ende Juni auslaufenden Kontrakt vertagen zu wollen. Funkel wolle sofort eine Entscheidung, der Vorstand – wie später durchsickert - bis zum 1. März abwarten, wie sich die Lage im Abstiegskampf der Bundesliga entwickelt.

Nachdem Schäfer seine Sicht der Dinge erzählt hat, erklärt Funkel unter Tränen wie enttäuscht er sei, dass er diese Entscheidung als Misstrauen gegenüber seiner über knapp drei Jahren erfolgreichen Arbeit werte und dass der Verein sogar sein Angebot abgelehnt habe, einen Vertrag zu unterschreiben, der nur für den Fall des Klassenerhalts Gültigkeit besitzt. Damit lässt der 65-Jährige seinen Vorstandschef auflaufen, denn die öffentliche Darstellung war vorher anders abgesprochen.

Man sieht Schäfer an, dass er mit diesen Aussagen nicht gerechnet hat. Schäfer ringt gegenüber den Journalisten um Worte, wiederholt seine Erklärungen mehrmals.

Nach dem 45-minütigen Gespräch herrscht eisige Stimmung am Tisch. Jeder ist sich im Klaren, dass diese Eskalation hohe Wellen schlagen wird.

Während Fortuna-Fans und auch Anhänger anderer Vereine nach den ersten Medienberichten über verschiedene Kanäle ihren Unmut über diese Entscheidung kundtun, eine Petition für den Verbleib Funkels und den Hashtag #profunkel ins Leben rufen, steht um 16.30 Uhr die letzte Einheit des Trainingslagers auf dem Programm. Aus der Mannschaft, die vor dem Mittagessen von dieser Entscheidung unterrichtet wurde, sickert Fassungslosigkeit über das Ende der Vertragsgespräche durch. Die mitgereisten Anhänger verweigern am Trainingsplatz aus Protest das obligatorische Foto mit dem Team. Funkel und Schäfer stehen neben dem Rasen, diskutieren hitzig.

Unterdessen tauchen Fotos vom neuen Sportvorstand Lutz Pfannenstiel auf, der zu Gesprächen mit Beratern und Vereinsvertretern in der Schweiz weilt und am Nachmittag eine Stunde mit einer Charity-Mannschaft für Kinder in Afrika spielt. Er wird von der Entwicklung überrascht, wird über seine Internet-Kanäle übel beschimpft, ebenso seine Frau und seine Kinder.

Funkel und Schäfer besuchen schließlich gemeinsam ein Abendessen mit Sponsoren im Teamhotel. Doch das Ganze hat eine Vorgeschichte, bei der es verschiedene Versionen gibt: Die eine besagt, dass Schäfer Funkel für das Dinner zunächst ausgeladen habe, ihn aber später doch ins Hotel zurückholte. Die andere erzählt davon, dass Schäfer Funkel ins Hotel zurückgeholt habe, weil der Trainer ein Gespräch mit dem Vorstandsboss als Ausladung missverstanden habe.

Parallel überlegt Aufsichtsrats-Chef Reinhold Ernst, der von Funkels Angebot, nur für den Fall des Klassenverbleibs unterschreiben zu wollen, nichts wusste, wie er die Lage beruhigen kann. Er führt von Düsseldorf aus Telefonate mit Medienvertretern und Aufsichtsratsmitgliedern, vor allem mit seinem Stellvertreter Carsten Knobel.

Funkel erzählt rückblickend die Anekdote, wie er mit einem Gast beim Sponsorendinner über die gescheiterten Verhandlungen berichtet. Schäfer sitzt mit am Tisch. Der Spruch „Man sollte niemals nie sagen“ fällt. Dieser Satz wird auch an Aufsichtsratsboss Ernst herangetragen. Funkel sagt später, dass es vielleicht dieser Satz war, der die Rolle rückwärts einleitet.

Es folgen zahlreiche Telefonate. Ernst mit Funkel, Ernst mit Schäfer, Pfannenstiel mit Ernst, Schäfer mit Pfannenstiel, Pfannenstiel mit Funkel. Ziel ist es, die zerstrittenen Schäfer und Funkel davon zu überzeugen, ihre Eitelkeiten beiseite zu legen, einen Neustart zu wagen und zum Wohl der Fortuna zu einer Einigung über eine Vertragsverlängerung zu bewegen.

Um kurz vor Mitternacht haben alle Parteien ihre Bereitschaft signalisiert. Ernst gibt Funkel und Schäfer mit auf den Weg, sich noch vor dem Frühstück auszusprechen und sich innerhalb von einer Woche zu einigen. Gleichzeitig macht der Aufsichtsratsboss öffentlich, dass es neue Gespräche geben wird.

Geschlafen wird in dieser Nacht nach übereinstimmenden Aussagen der Beteiligten kaum. Am Flughafen in Málaga wird Schäfer auch von Spielern zu Rede gestellt. Kaan Ayhan, der unter der Woche noch klargestellt hat „Funkel ist unser Trumpf“, diskutiert vor Gate 68 angeregt mit dem 42-Jährigen. Der Eurowings-Flug EW9537 hebt mit Mannschaftstross und Schäfer knapp verspätet um 11.25 Uhr ab. Kurz vor der Landung in Düsseldorf um 14.15 Uhr wird Schäfer schließlich ausgerufen: „Herr Robert Schäfer möchte sich bitte beim Kabinenpersonal melden.“ Alle Passagiere werden schließlich von der Außenposition mit Bussen ins Terminal gebracht. Nur Schäfer steigt in das Auto einer Sicherheitskraft. Am Gepäckband taucht der Vorstandsboss aber wieder auf. Es ist eine Anekdote, aus der so richtig keiner schlau wird.

Nach der Zollkontrolle warten rund 200 Fans in der Ankunftshalle im Untergeschoss. Schäfer kommt zuerst, wird ausgebuht, es gibt „Schäfer-raus“-Rufe. Funkel folgt nur wenige Augenblicke später, die Fans feiern ihn mit Sprechchören, zeigen Plakate mit seinem Namen.

Am Samstagabend steigt im Düsseldorfer Stahlwerk die Karnevalsparty „Jeck op Fortuna“. Schäfer soll im Elferrat sitzen. Doch die Frage steht im Raum, ob sein Platz aufgrund der Umstände leer bleiben wird. Aber Schäfer kommt, will Gesicht zeigen in dieser schwierigen Phase. Als er auf die Bühne gerufen wird, pfeifen die Fans. Die Regie dreht die Musik lauter. Schäfer lächelt. Auch noch als die erste Band des Abends, Alt-Schuss, ihre Sicht der Dinge deutlich macht: Der Sänger schreit ins Mikrofon: Wer ist hier Pro Funkel? Und der Schlagzeuger hat auf sein Fortuna-Shirt einen Aufkleber mit der Aufschrift „#profunkel“ angebracht. Das Lied „Die Sterne funkele“ wird zu „Friedhelm Funkele“. Schäfer singt auch diesen Text mit einem Lächeln im Gesicht mit.

So richtig Stimmung will im Saal aber den ganzen Abend nicht aufkommen. Die Atmosphäre ist spürbar gedämpft. Auch dem Aufsichtsratsvorsitzenden Reinhold Ernst, der im Piratenkostüm in der ersten Reihe gegenüber von Aufsichtsratsmitglied Björn Borgerding am Tisch steht, sieht man an, dass ihn die vergangenen Stunden emotional mitgenommen haben.

Während Ernst mit Funkel am Sonntagnachmittag nach dem ersten Spiel beim Telekom-Cup das erste persönliche Gespräch von Angesicht zu Angesicht führt, sitzt Schäfer im Büro des Mediendirektors Thomas Gassmann und erklärt unserer Redaktion seine Sicht der vergangenen Stunden. Seine Botschaft: Wir drücken den Neustart-Knopf, wollen aus der Nacht in Marbella lernen und sie so schnell wie möglich vergessen machen. Das indes dürfte seine Zeit dauern.