Montgomery: Das letzte Aufbäumen des alten Südens

Montgomery: Das letzte Aufbäumen des alten Südens

Der Republikaner Roy Moore schickt sich an, in Alabama einen Senatssitz zu erobern. Eine Geschichte über Religion, Rassismus und Elitenhass.

Es liegt alles so dicht beieinander an der Dexter Avenue in der Provinzhauptstadt Montgomery, als hätte es ein Dirigent für ein Freilichtmuseum so arrangiert. Der Bronzestern vor den Säulen des Kapitols erinnert an den alten, den uralten Süden. Hier proklamierte Jefferson Davis, im Bürgerkrieg der Präsident der Südstaaten-Konföderation, die Abspaltung von den Yankees des Nordens, um die Sklaverei über die Zeit zu retten. Ein Jahrhundert später rief dort George Wallace, Alabamas rassistischer Gouverneur, die Trennung der Rassen möge bis in alle Ewigkeit gelten.

Geht man ein Stück nach Westen, kommt man zu der Haltestelle, an der die Näherin Rosa Parks in den Bus einstieg, in dem sie sich weigerte, Platz zu machen für einen Weißen. In einer Kirche in der Nähe rief der Prediger Martin Luther King daraufhin zum Busboykott auf, womit er die Bürgerrechtsbewegung für die Gleichstellung schwarzer Amerikaner in Schwung brachte.

Rena Beasley kennt Alabama noch aus Zeiten, in denen Wallace in der Gouverneursvilla residierte. Und als Roy Moore, für den Rest Amerikas eine Reizfigur ähnlichen Kalibers, die ersten Sprossen der Karriereleiter erklomm, begann sie gerade ihr Pädagogikstudium. Beasley erinnert sich an einen religiösen Fanatiker, der selbst hier unten als Außenseiter mit Hang zur schrillen Inszenierung galt. 2003 ließ Moore im Obersten Gerichtshof Alabamas einen tonnenschweren Granitblock aufstellen, darin eingemeißelt die Zehn Gebote. Staat und Religion, lautete die Botschaft, dürften nicht getrennt sein, christlicher Glaube habe Vorrang vor säkularer Justiz.

Was Moore predigte, verstieß gegen die Gründungsprinzipien der USA. Er musste seinen Posten räumen. Später wurde er erneut zum Obersten Richter Alabamas gewählt, nur um erneut vom Supreme Court in Washington abgelöst zu werden. Diesmal hatte er ein Urteil ignoriert, nach dem gleichgeschlechtliche Ehepartner nicht benachteiligt werden dürfen. Und nun meldet sich dieser Provokateur zurück. Roy Moore, Jurist, Vietnamveteran, zwischenzeitlich Profi-Kickboxer, schickt sich an, in den US-Senat einzuziehen. Heute wird gewählt.

Dass Rena Beasley an einem kalten Dezemberabend mit blau gefrorenen Fingern und einem handbemalten Poster vor einer Basketballarena in Pensacola steht, um gegen Moore zu protestieren, begründet sie mit ihrem Lokalpatriotismus. "Ich will mich nicht länger für Alabama schämen müssen", sagt die Englischlehrerin. Jane Crittenden, auch sie Pädagogin, spricht von der nachträglichen Rache des alten Südens an Barack Obama. "Es ist ihnen egal, dass der Mann ein Mistkerl ist. Hauptsache, er ist ihr Mistkerl", sagt sie über Moores Anhänger. Roy Moore, findet dagegen der Programmierer Mike Crumb, habe den Mut, es den Etablierten zu zeigen - "und dafür hassen sie ihn".

Pensacola liegt zwar in Florida, aber bis nach Alabama ist es nur ein Katzensprung. Drinnen in der Halle ruft Donald Trump dazu auf, den 70 Jahre alten Hardliner zu unterstützen, schon deshalb, weil die Demokraten im Falle seiner Niederlage statt auf 48 auf 49 Senatssitze kämen und die republikanische Mehrheit nur noch eine hauchdünne wäre.

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Doch Moore ist ins Gerede gekommen, weil er vor rund 40 Jahren heranwachsende Mädchen sexuell belästigt haben soll, das Jüngste war 14. Mittlerweile sind es neun Frauen, die davon aus eigenem Erleben erzählen. Eine von ihnen, seinerzeit 16, hat wie zum Beweis eine Widmung des damaligen Jungstaatsanwalts veröffentlicht. Als sich herausstellte, dass sie seine Zeilen nachträglich um ein Datum und den Namen des Restaurants ergänzte, in dem sie kellnerte und er Stammgast war, nahmen es Moores Anhänger zum Anlass, um alles zur Lüge zu stempeln. Zu "Fake News".

Dabei findet Rena Beasley, dass zu kurz kommt, wofür Moore sonst noch steht. Muslimen will er verbieten, für ein Wahlamt zu kandidieren. Seinen Rivalen, den Demokraten Doug Jones, nennt er abfällig "Abortion-Jones", weil der Kontrahent am Abtreibungsrecht nicht rütteln möchte. Auf die Frage, wann Amerika zum letzten Mal im Sinne Trumps groß gewesen sei, blendete er neulich zurück ins 19. Jahrhundert: "Die Familien waren zusammen, auch wenn wir die Sklaverei hatten. Unser Land hatte Orientierung."

Dann steht er in einer Scheune in Fairhope, einer Kleinstadt im Südzipfel Alabamas, vor einem Sternenbanner, das fast so groß ist wie die Bühne. Man habe ihn einen Narren genannt, weil er an Gott glaube, poltert Moore: "Wer das sagt, scheint Angst zu haben, dass ich die Werte Alabamas nach Washington bringe. Und wisst ihr was? Ich kann es gar nicht erwarten." Steve Bannon, bis August der Chefstratege im Weißen Haus, ist nach Fairhope gereist, um dem Juristen den Rücken zu stärken. Die Elite wolle Richter Moore zerquetschen, wettert Bannon. "Und wisst ihr, warum? Sie wollen euch eurer Stimme berauben." Roy Moore, Volkes Stimme. Der kühne Rebell. Der Donald Trump Alabamas. So klingt es bei Bannon.

In Birmingham, einer früheren Stahlstadt, redet auch Doug Jones unter einem großen Sternenbanner. "Ich bin mir verdammt sicher, dass ich meinen Teil getan hab', um sicherzustellen, dass ein Mann, der kleinen Mädchen wehtut, ins Gefängnis wandert und nicht in den Senat", sagt der Demokrat. Einerseits ist der Satz auf seinen Gegner gemünzt, andererseits erinnert Jones mit ihm an seine Verdienste. Als Staatsanwalt erhob er Anklage gegen zwei Geheimbündler des Ku Klux Klan, die das Attentat 1963 auf eine afroamerikanische Baptistenkirche mitgeplant hatten. Vier schwarze Mädchen starben damals. Jones spricht fast täglich davon.

Falls er heute gewinnt, hätte der alte Süden verloren. Zugleich wäre es eine kleine Revolution, denn seit konservative weiße Wähler als Reaktion auf die Bürgerrechtsproteste zu den Republikanern überliefen, stehen die Demokraten in Alabama auf verlorenem Posten. Seit 1990 hat der Staat keinen von ihnen mehr in den US-Senat delegiert.

Roy Moore sei das Symbol der Vergangenheit, sagt Rena Beasley, überlegt eine Weile und spitzt den Satz zu: "Es ist der letzte Aufschrei des weißen Mannes."

(RP)