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Rom: Benedikt entließ 384 pädophile Priester

Rom : Benedikt entließ 384 pädophile Priester

Die katholische Kirche intensivierte unter dem deutschen Papst ihre Anstrengungen im Kampf gegen den Missbrauch von Kindern durch Priester. Das zeigen neue Zahlen. Zuvor hatten die Vereinten Nationen den Vatikan scharf kritisiert.

In den beiden letzten vollen Amtsjahren von Papst Benedikt XVI. ist die Zahl der Entlassungen pädophiler Priester stark gestiegen. 2011 und 2012 wurden 384 Geistliche wegen Kindesmissbrauchs in den Laienstand versetzt – 260 im Jahr 2011, 124 im Jahr 2012. Das bestätigte Vatikan-Sprecher Federico Lombardi. Die Zahlen stammten aus jährlich veröffentlichten Aktivitätsberichten, sagte er der italienischen Nachrichtenagentur Ansa. Zunächst hatte Lombardi einen entsprechenden Bericht der Nachrichtenagentur AP zurückgewiesen, sich später aber korrigiert. In den Jahren 2008 und 2009 gab es demnach insgesamt nur 171 Entlassungen.

Der Skandal um jahrzehntelangen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen hatte die katholische Kirche in den letzten Jahren weltweit erschüttert. Auch in Deutschland kamen nach ersten Enthüllungen im Jahr 2010 zahlreiche Fälle ans Licht. Papst Franziskus, der im vergangenen Jahr auf den aus Altersgründen zurückgetretenen Benedikt gefolgt war, prangerte den Skandal jüngst als "die Schande der Kirche" an. Benedikt hatte 2010 im Zusammenhang mit dem Missbrauchsskandal gesagt: "Der größte Angriff auf die Kirche kommt heute aus dem Innern der Kirche selbst – durch die Sünde."

Der Papst litt nach den Worten seines Privatsekretärs, Erzbischof Georg Gänswein, unter den Laisierungen. In einer solchen Situation müsse jedoch entschieden gehandelt werden, sagte Gänswein der Online-Ausgabe der "Mittelbayerischen Zeitung". "Das hat Papst Benedikt eindeutig getan, aber es tat ihm sehr weh und es tut ihm sehr weh." Die Zahlen seien erst jetzt veröffentlicht worden, da Diskretion sehr wichtig sei, "nicht weil man etwas verheimlichen will, sondern weil man Personen schützen will".

Der ehemalige Chefankläger der Glaubenskongregation im Vatikan, Charles Scicluna, sagte, die schlimmsten Fälle seien seiner Ansicht nach aufgedeckt. Er erwarte, dass sich die Zahl der entlassenen Priester auf etwa 100 im Jahr belaufen werde, sagte der Weihbischof der "Sunday Times of Malta". Er fügte jedoch hinzu: "Jetzt ist nicht die Zeit nachzulassen." Der Malteser Scicluna war bis 2012 in der Glaubenskongregation tätig gewesen, wo er für die Verfolgung von Missbrauch zuständig war.

Opferverbände kritisieren, die Kirche tue nicht genug zur Aufarbeitung des Skandals und für die Opfer. "Die Opfer werden nach wie vor ausgegrenzt, verschwiegen, verleugnet und vertuscht", erklärte das Netzwerk Betroffener von sexualisierter Gewalt. "Dass eine Täterorganisation ihre eigenen Verbrechen aufarbeiten könnte, ist ein Irrglaube." Bereits zuvor hatten die Vereinten Nationen den Vatikan scharf kritisiert. Am Donnerstag hatten Mitglieder eines UN-Komitees der Kirche mangelnde Transparenz im Umgang mit sexuellem Missbrauch vorgeworfen. Der Kirchenstaat weigere sich nach wie vor, die von den UN geforderten genauen Angaben zum Umfang des Skandals und zu den Tätern zu machen.

Großes Lob für Benedikt kommt derweil aus Deutschland: Der Mainzer Kardinal Karl Lehmann bezeichnete den Rücktritt des Pontifex als "Großtat ohnegleichen". Benedikt habe gesehen, dass seine Kräfte nicht mehr ausreichten, sagte Lehmann: "Damit hat er dem Papsttum einen enormen Dienst erwiesen – und es vermenschlicht." Der Mainzer Bischof, der zuvor Papst Franziskus zu einer ersten großen Audienz getroffen hatte, fügte hinzu: "So wie Benedikt XVI. sich zurückgezogen verhält und wie Franziskus immer wieder an ihn anknüpft: Das könnte nicht besser sein."

(RP)