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Micro-Actions: Kleine Schritte, große Wirkung

Micro-Actions : Kleine Schritte, große Wirkung

Zum Jahresanfang ist die Motivation für gute Vorsätze immer besonders hoch. Die meisten Menschen scheitern aber langfristig krachend dabei. Micro-Actions sind erfolgversprechender für einen neuen Lebensstil.

Dieser Satz geht einem so schnell von den Lippen: "Man sollte mehr Sport machen." Leicht gesagt, aber nicht gemacht. Denn dieser Satz ist so schön unkonkret und dadurch bequem. "Man" heißt ja nicht "ich", "sollte" bedeutet nicht "muss", und was soll man eigentlich unter "mehr Sport" verstehen? Das kann alles bis nichts sein.

Mit diesem Beispiel legt Andreas Buhr (56) aus Düsseldorf den Finger in die Wunde, kurze Zeit nach dem Jahreswechsel, wenn sich viele Menschen mit guten Vorsätzen für das neue Jahr befassen. Der Unternehmer, Autor und Erfolgstrainer beschäftigt sich beruflich mit Vorhaben, Motivation und Veränderung. Und er weiß, wie schwer sich viele damit tun. Aber warum ist das so? "So notwendig und offenbar Veränderungen sind, gehören sie doch zu den Dingen, die uns Angst machen", sagt Buhr. Menschen fühlen sich wohl in Routinen, und wer zwischen Veränderung und Komfortzone wählen könnte, würde das Risiko meiden und alles lieber so belassen, wie es ist. "Nur wenn wir gezwungen sind, uns zu verändern, gelingt es nachhaltig", sagt Buhr. So fällt es leichter, sich das Rauchen abzugewöhnen oder einige Pfunde abzunehmen, wenn der Arzt eine medizinische Notwendigkeit bescheinigt. Oder noch dramatischer: Die größten Veränderungen machen Menschen durch, wenn ihr Leben sie dazu zwingt: zum Beispiel durch eine Trennung, eine Krankheit oder eine finanzielle Pleite.

Jede Veränderung - ob im Geschäftsleben oder im persönlichen Bereich - ist in der Regel mit dem Risiko verbunden, dass sich Ergebnisse verschlechtern. Wer aufhört zu rauchen, nimmt möglicherweise Gewicht zu; wer weniger isst oder sich anders ernährt, bekommt vielleicht schlechte Laune; wer Sport macht, hat Muskelkater. Glück und Erfolg sind immer Überwindungsprämien."Ich muss durch ein Tal gehen wollen, ehe ich ein neues Niveau erreichen kann", betont Buhr. Das ist oft der Moment, in dem viele ihre Entscheidung zur Veränderung bereuen, schlicht aufgeben und weitermachen wie zuvor.

Statt Riesen-Projekte, die eh kaum jemand durchhält, plädiert der Erfolgstrainer dafür, die kleinen Dingen anzugehen, um den Gewohnheitsprozess zu "reframen", wie er sagt. Anstatt abends vom Büro nach Hause zu fahren, um dann Gefahr zu laufen, sich doch auf die Couch sinken zu lassen, sollte man direkt ins Fitnessstudio fahren. "Nur so kann man den Trägheitsprozess durchbrechen." Wer seine Entscheidung, mehr zu joggen, ernst meint, der lässt sich auch nicht von Regen abhalten. "Denn sonst wäre das Wetter mächtiger als meine Entscheidung."

In dieselbe Richtung gehen die Tipps, die auf Grundlage einer App nun im Buch "The Book of You" zusammengefasst wurden. Die Autoren nennen ihre Anregungen Micro-Actions, "weil die kleinen Dinge entscheidend sind". Eine Minute am Tag helfe schon dabei, sich gesünder und glücklicher zu fühlen. "Eine Micro-Action ist klein, leicht und im Alltag durchführbar", schreiben die fünf Autoren, darunter der britische TV-Koch Jamie Oliver. 20 Minuten zu meditieren sei aber zum Beispiel keine Micro-Action, sich zwei Minuten hinzusetzen und an etwas Positives zu denken, schon. Die Empfehlungen umfassen vier Lebensbereiche: Ernährung, Lebenseinstellung, Bewegung und Beziehung. In kleinen Schritten seien Veränderungen am nachhaltigsten. Wer sich realistische Ziele setze, erlebe schneller Erfolgserlebnisse. Durch dauerhafte Veränderungen entstünden neue Gewohnheiten. Anfangs ist das mühselig. Nur fünf Prozent der Menschen sind laut Andreas Buhr "Selbstgänger", die Entscheidungen treffen und "ihr Ding" durchziehen - geschäftlich und privat. Die anderen 95 Prozent müssen Veränderungen erzwingen. Das gelingt am besten, wenn man Ziele fokussiert in Angriff nimmt, die einem wirklich wichtig sind. "Wenn man auf wichtige Fragen zurückblickt, die man in den letzten zehn Jahren erreichen wollte, - wie: Finde ich eine Wohnung? Kaufe ich ein Auto? Fahre ich in Urlaub? - dann werde ich feststellen, dass ich all das erreicht habe, weil ein Scheitern in meinem Denken nicht eingeplant war." Um Veränderungen durchzuhalten, rät der Profi: Identifizieren Sie sich mit Zielen. Wenn Sie sich wohl damit fühlen, dann klappt es leichter. "Wer sich in seine Ziele verliebt, dem schiebt sich der Weg unter die Füße."

Buhr betont: "Silvester-Vorsätze sind eh Fakes." Sie würden überhöht, das neue Jahr beginne auch nur mit einem neuen Tag. Und jeder Tag könnte ein Anfang sein für eine Micro-Action - eine Kleinigkeit, die Großes verändern kann.

(mso)