Kultur in Brüggen Das Leiden am unerfüllten Leben ist ein hochmoderner Stoff

Brüggen · Gelungene Premiere von Tschechows Komödie „Die Möwe“ in der Inszenierung von Verena Bill vom Niederrhein Theater in der Burggemeindehalle. Herzlicher Applaus.

 Die junge Nina (Christina Wouters, links) versucht sich erstmals als Schauspielerin in einem neuen Stück von Konstantin (Tim Fairhurst, rechts).

Die junge Nina (Christina Wouters, links) versucht sich erstmals als Schauspielerin in einem neuen Stück von Konstantin (Tim Fairhurst, rechts).

Foto: Ja/Knappe, Joerg (jkn)

Die ausgestopfte Möwe hat Michael Koenen bei Ebay für 15 Euro ersteigert. Die Aufführung von Tschechows „Die Möwe“ in der Burggemeindehalle war dagegen unbezahlbar. Bei der Premiere am Mittwochabend genossen es Publikum und Ensemble, endlich wieder Live-Theater auf der Bühne zu erleben. Rund 100 Zuschauer, darunter Bürgermeister Frank Gellen (CDU), erlebten in der Burggemeindehalle faszinierendes Theaterspiel. Kurzfristig hatte es die Gemeinde ermöglicht, dass das Niederrhein Theater von der Open-Air-Bühne in die trockene Halle umziehen konnte.

Tschechows Komödie wurde vor mehr als 100 Jahren, 1896, uraufgeführt. Auch wenn es auf einem Landgut im zaristischen Russland spielt, ist „Die Möwe“ alles andere als verstaubt und ein ausgestopfter Theaterklassiker. Abstrahiert man mal von den Kostümen (alle Angelika Pasch) und dem historischen Rahmen, ist „Die Möwe“ erstaunlich aktuell und zeitlos. Menschen, die einen falschen Lebensentwurf haben und vergeblicher Liebe hinterherlaufen, gibt es immer wieder. Nina (Christina Wouters) ist ein junges Mädchen vom Lande, das als Schauspielerin die Großstadt erobern will. Sie verliebt sich, obwohl mit Kostja verbandelt, in den erfolgreichen Schriftsteller Boris Trigorin (Dannie Lennertz), Geliebter der berühmten Schauspielerin Irina (Verena Bill). Deren Sohn Kostja (Tim Fairhurst) will auch Schriftsteller werden und neidet Trigorin den Erfolg. Kostja wird von Mascha (Sophia Mutschler), Tochter des Gutsverwalters, geliebt, sie wiederum vom armen Lehrer (Gareth Charles). Und Irina liebt nur sich selbst und interessiert sich nicht die Bohne für die Schreibversuche ihres Sohnes.

Der Arzt Dorn (Michael Koenen), einst ein Lebemann, hat sich mit 55 zur Ruhe gesetzt. Dem 62-jährigen Gutsherrn Sorin empfiehlt er Baldrian oder das baldige Grab. Dorn ist ein distanzierter Beobachter des seltsamen Ränkespiels und pfeift sich darauf seinen eigenen Reim. Tschechow, der selber Arzt war, seziert in seiner Komödie die Unfähigkeit der Menschen zum wahren Leben. Der Müßiggang dieser Gesellschaft hat sie träge gemacht und zu falschen Zielen verführt. Die Möwe, die in seinem Stück von Kostja am See geschossen wird, ist ein Symbol für die Freiheit, die von den Menschen zerstört wird.

Mit ihrer Inszenierung arbeitet Verena Bill die komödiantischen wie tragischen Momente des Stoffes deutlich heraus. Tschechow beschäftigt sie seit Studienzeiten. Sie selber hat schon die junge Nina gespielt, jetzt schlüpfte sie in die Rolle der Diva Irina, was sie sichtlich genoss. Besonderes Lob auch für Christina Wouters, der die ersten steifen Gehversuche auf der doppelten Bühne bestens gelangen.

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