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Auf den Spuren des Textilbarons Friedrich Freiherr von Diergardt in Viersen

Zur Geschichte der Textilindustrie in Viersen : Auf den Spuren des Textilbarons

Der Verein für Heimatpflege Viersen veröffentlicht die 45. Ausgabe seiner Schriftenreihe. Was Leser im Buch „Seide, Sammet und Soziales – Friedrich Freiherr von Diergardt“ von Walter Tillmann erwartet.

Vor 20 Jahren erschien in der Schriftenreihe des Viersener Vereins für Heimatpflege erstmals eine Biografie über Friedrich Freiherr von Diergardt. Über den „Textilbaron des Rheinlands“ erscheint jetzt eine aktualisierte Ausgabe. Autor ist der Textil-Diplomingenieur Walter Tillmann, der seit Jahren die Geschichte seines Fachgebiets erkundet.

Auf 156 Seiten stellt Tillmann nicht nur Diergardts Leben vor, sondern nimmt auch seine außergewöhnliche soziale Leistung in den Blick. Dafür hat er viele Zitate zusammengestellt, die einen Einblick in das Verhältnis zwischen Unternehmer und Arbeiterschaft geben. Die überlieferten Aussagen Diergardts stammen aus handschriftlichen Kopien ausgehender Briefe, die im Stadtarchiv Leverkusen verwahrt werden.

Als Ur-Urenkel des Textilbarons freut sich Leopold Friedrich von Diergardt besonders über die Neuauflage der Biografie. „Das Buch liest sich nicht nur für jeden geschichtlich Interessierten hoch spannend, auch für mich und meine Familie ist es eine nicht versiegende Quelle, die uns unseren berühmten Vorfahren näherbringt“, sagt er. Friedrich von Diergardts Leistung als Unternehmer, sein politisches Engagement – unter anderem als Mitglied des preußischen Herrenhauses – und vor allem seine soziale Art erfüllen den Nachkommen mit Stolz.

Leopold Friedrich von Diergardt und Walter Tillmann (v.l.) am Grab der Familie Diergardt auf dem alten evangelischen Friedhof neben der Kreuzkirche in Viersen. In der Mitte ist ein Bild des Freiherrn von Diergardt zu sehen. Foto: Ester Ana Hädicke

Bereits als junger Mann gründete Friedrich von Diergardt 1816 eine Krankenkasse für seine Arbeiter. Es folgten Krankenhäuser und Bildungseinrichtungen. Es gab kaum ein Problem in seiner Zeit, mit dem von Diergardt sich nicht befasste. „Er hat auf die disruptive Veränderung der Textilindustrie reagiert und notleidende Leinenweber aus drohender Armut befreit. Durch die Bereitstellung von Webstühlen waren die Vorzüge des heute bekannten ,Homeoffice’ schon im frühen 19. Jahrhundert in Viersen bekannt“, erzählt der Ur-Urenkel mit einem Lachen.

Friedrich von Diergardt war der „Textilbaron des Rheinlands“ und besaß in Viersen die größte Sammetfabrik Europas. Als kluger Unternehmer war er Vorreiter für ein freies Handelsprinzip, um Verbindungen zwischen Nationen zu bewahren und den Frieden zu sichern. So heißt es in einem Zitat: „Der Deutsche Zollverein bietet einen eklatanten Beweis, wie sehr die allgemeine Wohlfahrt des Volkes durch Erleichterung des gegenseitigen Verkehrs steigt und wie durch diese materiellen Vorteile die Bewohner verschiedener Länder immer befreundeter werden.“

Diergardts Erfolge tragen mehr als 150 Jahre nach seinem Tod noch Früchte: „Noch heute befinden sich die von ihm für seinen Enkel erworbenen land- und forstwirtschaftlichen Betriebe im Besitz der Diergardtschen Verwaltung und von ihm ins Leben gerufene Stiftungen erfüllen weiterhin ihren Zweck“, berichtet Leopold Friedrich von Diergardt.

1869 starb der erfolgreiche Unternehmer Friedrich von Diergardt auf Schloss Morsbroich. Er wurde auf dem evangelischen Friedhof in Viersen beigesetzt. In Viersen erinnern der Diergardt-Platz und die Diergardt-Schule an ihn. Der Verein für Heimatpflege hatte bereits 2009 in seinem Jahresprogramm einen Rundgang durch die Innenstadt Viersens auf den Spuren Diergardts organisiert. „Ich wurde mit den Vorbereitungen damals beauftragt, das war jedoch etwas ganz anderes, als eine Biografie zusammenzustellen“, erinnert sich Tillmann. Wer sich selbst auf die Spuren Diergardts begeben möchte, findet in der aktualisierten Neuauflage einen beigelegten Flyer, der durch die Viersener Innenstadt führt.

Sobald es möglich ist, wolle der Viersener Heimatverein auch einen Rundgang mit Tillmann anbieten, berichtet Heimatvereinsvorsitzender Albert Pauly. Dann wolle er sich mit Anzug und Zylinder als Diergardt verkleiden – und so den erfolgreichen Textilbaron wieder zum Leben erwecken.