100 Jahre Karl Arnold: Die katholische Soziallehre hat ihn geprägt

100 Jahre Karl Arnold : Die katholische Soziallehre hat ihn geprägt

Von Carsten Greiwe

Von Carsten Greiwe

Anlässlich des Jubiläums zum 125-jährigen Bestehen der Neuß-Grevenbroicher-Zeitung hat der Neusser Bürgermeister Herbert Napp an Karl Arnold (1901-1958) erinnert. Er schlug vor, mit der Benennung einer Neusser Straße den ersten frei gewählten Ministerpräsidenten unseres Landes zu ehren. Dieser Vorschlag soll Anlass sein, die Person Karl Arnolds näher zu betrachten. Karl Arnold -->

Karl Arnold gehörte zu den Mitbegründern der Düsseldorfer CDU. Schon sehr bald, im Frühjahr 1945, setzte er alles daran, eine neue christliche Partei zu gründen. Sie sollte im Gegensatz zum katholischen Zentrum alle Konfessionen umfassen. Hierfür fand er auch die Unterstützung des in Neuss geborenen Erzbischofs von Köln, Josef Kardinal Frings, der bezweifelte, ob es ratsam sei, das Zentrum unter seinem alten Namen erstehen zu lassen.

Sozialverpflichtung

Arnolds Grundsatz hieß: "Wer christlich ist, ist auch sozial!" Karl Arnold prägte den Begriff des "christlichen Sozialismus" mit. Bei grundsätzlicher Respektierung des Eigentums betonte er dessen Sozialverpflichtung (Sozialisierung, Mitbestimmung, Bodenreform). Dagegen kündigte Adenauer Widerstand, an, der schon im Begriff des "christlichen Sozialismus" einen Widerspruch in sich sah. Hierüber kam es zum heftigen Streit. Zunächst behielt der unterdessen zum Oberbürgermeister von Düsseldorf gewählte Arnold im Ahlener Programm der CDU von 1946 die Oberhand. Später setzte sich Adenauer im Verbund mit Ludwig Erhard und dessen Konzept der Sozialen Marktwirtschaft jedoch durch. Karl Arnold erkannte schnell die Bedeutung des Pressewesens.

Zusammen mit dem Verleger Anton Betz gründete er daher 1946 die Rheinische Post (RP), die in ihrem Untertitel "Zeitung für christliche Kultur und Politik" ihre Ausrichtung jedermann verdeutlichte. Das Verbreitungsgebiet der neuen Zeitung umfasste auch die Stadt Neuss und den Landkreis Grevenbroich, womit sie seit 1949 in Konkurrenz zur traditionsreichen und ähnlich ausgerichteten Neuß-Grevenbroicher Zeitung (NGZ) geriet. Beide Verlage beendeten dieses wenig aussichtsreiche Nebeneinander und vereinbarten alsbald eine Kooperation. Seitdem liefert die RP den Mantel für die NGZ, wobei sich die Neusser Redaktion auf das Lokale und Regionale spezialisiert hat.

Bei den ersten Landtagswahlen 1947 wurde die CDU stärkste Partei, womit ihr auch das Amt des Ministerpräsidenten zufiel. Gegen den Widerstand Adenauers wurde Arnold erster frei gewählter NRW-Regierungschef. Nicht unerheblich für den Erfolg Arnolds war wohl auch die nachhaltige Unterstützung durch die Kirche. Namentlich Kardinal Frings hat sich für Arnold und gegen den Adenauer-Kandidaten Josef Gockeln ausgesprochen. Noch im Juni konstituierte sich das Kabinett Arnold, dem neben der CDU auch SPD, KPD und das Zentrum angehörten. Die FDP blieb außen vor. Damit setzte Karl Arnold seine Linie einer großen Koalition gegen Konrad Adenauer durch, der auf eine kleine Koalition mit der FDP setzte. Arnold schien eine Konzentration aller politischen Kräfte notwendig, um die anstehenden Probleme (Ernährungskrise, Demontagen, Ruhrkontrolle, ausländische Gebietsansprüche, Verfassungsberatungen) bewältigen zu können.

Werhahn und die Energie

In jene Zeit fielen auch die ersten Kontakte Karl Arnolds mit dem Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Neuss, Adolf Flecken. Eine der wichtigen Fragen war die Elektrifizierung der Bahn, die in der NS-Zeit verhindert wurde, weil bis Moskau keine Oberleitungen lagen. In der hiesigen IHK war man vom Vorzug der Elektrifizierung überzeugt. Die entsprechenden Konzepte waren in Neuss längst ausgearbeitet. Allerdings war die Frage nach der Lieferung ausreichender Mengen Energie zunächst ungeklärt. Den Ausweg wies IHK-Präsident Wilhelm Werhahn, der die Energiegewinnung mittels Braunkohle ins Spiel brachte. Wilhelm Werhahn war zugleich Aufsichtsratsvorsitzender des RWE, dessen Tochter Rheinbraun die notwendige Energie lieferte.

Nach den Landtagswahlen von 1950 und 1954 wurde Karl Arnold im Amt des Ministerpräsidenten bestätigt. Allerdings konnte er sich nicht mit seiner Meinung durchsetzen, dass die SPD an einer Koalitionsregierung zu beteiligen sei. Nach Bonner Vorbild wurden 1950 und 1954 die Landeskabinette ohne die SPD gebildet. Es kam zu kleinen Koalitionen aus CDU und Zentrum. 1954 stieß zusätzlich die FDP dazu. Der Neusser Adolf Flecken übernahm zunächst das Innen-, später das Finanzministerium. Die Einbeziehung der FDP erwies sich als folgenschwerer Fehler. Einige jüngere FDP-Politiker favorisierten nämlich eine Koalition mit der SPD.

So kam es 1956 zu einem konstruktiven Mißtrauensvotum von SPD und Liberalen gegen Karl Arnold, welches im Landtag eine knappe Mehrheit erhielt, weil vermutlich nicht alle CDU-Abgeordneten Karl Arnold stützten. Bei den Landtagswahlen von 1958 wollte Karl Arnold als Spitzenkandidat seiner Partei durch den Wähler jenes Amt wieder erringen, welches er durch die Ränkespiele der FDP verloren hatte. Er sollte den Wahltag jedoch nicht mehr erleben. Eine Woche zuvor erlag er mitten im Wahlkampf einer Herzattacke. Mit dem improvisierten Wahlslogan "In seinem Sinne arbeiten wir weiter" erhielt die NRW-CDU mit über 50 Prozent der Stimmen die absolute Mehrheit.

Ein Ehrentitel

Der erste frei gewählte Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen war weder Rheinländer noch Westfale. Karl Arnold wurde 1901 als Sohn eines Handwerkers im württembergischen Herrlishöfen bei Biberach als zweites von vier Kindern geboren. Nach dem Volksschulbesuch begann der vierzehnjährige Karl eine Lehre als Schuhmacher. Später fand er Zugang zum katholischen Gesellenverein und zur Zentrumspartei. Mit zwanzig Jahren kam Arnold nach Düsseldorf und engagierte sich bei den christlichen Gewerkschaften.

Stark geprägt von der katholischen Soziallehre setzte er sich für die Belange der Arbeiterschaft ein. Im Dritten Reich wurde Karl Arnold aller seiner Ämter enthoben. In Oppositionskreisen entwarf er Konzepte für eine Zeit danach. Dies blieb der Gestapo nicht verborgen. Im Zuge der Verhaftungen nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 wurde auch Karl Arnold verhaftet. Damals schon war ihm die Notwendigkeit der Gründung einer neuen christlichen Partei klar. Arnold wollte den neuen deutschen Staat auf eine neue, ebenso christliche wie soziale Grundlage stellen. Zum Etikett "Linkskatholik" bemerkte später der Adenauer-Schwiegersohn Hermann-Josef Werhahn: "Das ist ein Ehrentitel!"

Der Autor Carsten Greiwe ist Student der Rechtswissenschaften und CDU-Stadtverordneter in Neuss.

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