Neuss: "Medizin nicht zum Nulltarif"

Neuss : "Medizin nicht zum Nulltarif"

Interview Kris Sterkens, Geschäftsführer von Janssen-Cilag, kritisiert die Pläne der Bundesregierung zur Arzneimittelversorgung aus Sicht eines forschenden Pharma-Unternehmens.

Interview Kris Sterkens, Geschäftsführer von Janssen-Cilag, kritisiert die Pläne der Bundesregierung zur Arzneimittelversorgung aus Sicht eines forschenden Pharma-Unternehmens.

Der Pharmakonzern Janssen-Cilag entwickelt in Neuss neue Medikamente und Behandlungsmethoden. Foto: Janssen-Cilag

Das Bundeskabinett hat am Mittwoch Eckpunkte zur Arzneimittelversorgung als Grundlage für einen neuen Gesetzentwurf im Gesundheitswesen beschlossen. Ein Maßnahmenbündel, so Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler, das nicht nur die medizinische Versorgung, sondern auch die Innovationsfähigkeit der Unternehmen im Land sichern soll. Wie diese Pläne ein forschendes Pharmaunternehmen bewertet, wollte die NGZ von Kris Sterkens wissen, dem Vorsitzenden der Geschäftsführung von Janssen-Cilag in Neuss.

Herr Sterkens, Gesundheitsminister Philipp Rösler, so stand zu lesen, hat "Rückenschmerzen". Gibt es etwas aus Ihrem Hause, was ihm Linderung verschaffen würde?

Kris Sterkens Minister Rösler scheint sich "verhoben" zu haben — im wahrsten Sinne des Wortes und bei den kurzfristigen Sparmaßnahmen für unser Gesundheitssystem. Wir wünschen letzterem und Minister Rösler gute Besserung. Grundsätzlich sind Schmerzen und ihre Bekämpfung ein Bereich, für den wir uns schon seit langem engagieren. Janssen-Cilag hat unter anderem vor Jahren das erste Schmerzpflaster entwickelt, welches eine gleichmäßige Linderung auch bei Rückenschmerzen ermöglicht.

Aber helfen würden Sie dem Minister schon, auch wenn der sich gerade mächtig mit Ihrer Branche anlegt?

Sterkens Jeder, der krank ist, sollte die Chance haben, nach neuestem medizinischem Wissensstand behandelt zu werden. Natürlich sind wir nicht immer einer Meinung mit der Politik. Aber auch wir sehen Bedarf, dass sich etwas ändert, damit wir auch in Zukunft eine gute und finanzierbare Gesundheitsversorgung haben. Wir setzen dabei auf den Wettbewerb.

Das heißt?

Sterkens Die forschenden Pharmaunternehmen haben gemeinsam der Politik vorgeschlagen, dass Pharmaunternehmen und Krankenkassen direkt Verträge abschließen. Damit wollen wir dazu beitragen, auf den Bedarf der Versicherten abgestimmt, Qualität und Kosteneffizienz der medizinischen Versorgung zu steigern. Ich erhoffe mir, dass dadurch ganz automatisch ein Wettbewerb zwischen allen Beteiligten in Gang kommt, wer die besten Versorgungspakete zu den besten Preisen anbieten kann. Vor diesem Hintergrund sind wir prinzipiell auch nicht dagegen, mit unseren Arzneimitteln eine sogenannte Nutzenbewertung zu durchlaufen. Die Bewertung muss aber transparent sein und nicht an der Praxis vorbeilaufen.

Wie bewerten Sie die Pläne in Bezug auf die Arzneimittelpreise?

Sterkens Minister Rösler setzt eher auf kurzfristige Maßnahmen, wie eine Erhöhung des Zwangsrabatts auf patentgeschützte Arzneimittel von derzeit 6 auf 16 Prozent. Strukturell ändert sich an der Versorgung dadurch nichts, es wird nur kurzfristig bei der Industrie Geld abgeschöpft, ohne die Versorgung wirklich zu verbessern. Von verlässlichen Rahmenbedingungen für Innovationen und Arbeitsplatzsicherung kann angesichts einer solchen willkürlichen Maßnahme keine Rede sein. Die Anhebung des Zwangsrabatts, der als Herstellerabschlag kaschiert wird, würde 2010 einen zweistelligen Millionen-Betrag weniger Umsatz für uns bedeuten. In 2011 sind die Einbußen dann noch deutlich höher. Das trifft uns in wirtschaftlich sowieso angespannten Zeiten schmerzhaft.

Man könnte die Sparnotwendigkeit ja auch anders sehen und sich die Frage stellen: Warum sind Arzneimittel in Deutschland teurer als anderswo?

Sterkens Patentgeschützte Arzneimittel sind Spitzenmedizin: Sie leisten etwas, was ältere Präparate so nicht können oder helfen bei Krankheiten, die bisher gar nicht behandelbar waren. Forschung für solche Spitzenmedizin gibt es nicht zum Nulltarif. Dass wir teurer sind als in anderen Ländern, hören wir immer wieder. Wir liegen jedoch bei den Arzneimittelpreisen im europäischen Mittelfeld. Außerdem führen wir die meisten unserer Präparate zu einem Abgabepreis ein, der in den einzelnen Ländern fast identisch ist. Auf diesen werden in Deutschland jedoch noch Mehrwertsteuer, Großhandels- und Apothekenaufschläge addiert.

Wohin geht Ihrer Ansicht nach die Entwicklung im Pharmamarkt?

Sterkens Neben der Erforschung neuer Arzneimittel wird aus meiner Sicht — und das deckt sich mit dem Ergebnis einer von uns initiierten Umfrage — ein wichtiger Ansatz sein, Patienten zukünftig besser in die Behandlung einzubinden. Mehr zu wissen hilft Patienten, ihre Situation besser einzuschätzen und fördert die Therapietreue. Dadurch können auch Krankenhauseinweisungen vermieden werden.

Janssen-Cilag musste zuletzt Stellen streichen. Wie geht es weiter?

Sterkens Wir halten die Kompetenz der Mitarbeiter für einen unserer wichtigsten Erfolgsfaktoren und werden uns nicht leichtfertig davon trennen. Die Vergangenheit hat aber gezeigt, dass wettbewerbsfeindliche und kurzfristige Kostendämpfungsmaßnahmen keinen großen Spielraum lassen.

(NGZ)
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