Neuss: Ein Täter ohne Vorgeschichte

Neuss : Ein Täter ohne Vorgeschichte

Das Letzte, was A.S. für lange Zeit von Neuss gesehen haben dürfte, war das Amtsgericht an der Breite Straße. In Turnhose und mit Kunststoff-Füßlingen wurde er dort Donnerstagnachmittag von Polizeibeamten einem Haftrichter vorgeführt, der für den mutmaßlichen Mörder der Jobcenter-Sachbearbeiterin Irene N. Untersuchungshaft anordnete.

Der 52-jährige Marokkaner hatte zuvor gestanden, im Jobcenter an der Stresemannallee die 32-jährige Düsseldorferin mit drei Stichen attackiert zu haben. Sein Motiv: Sorge um die Sicherheit seiner persönlichen Daten.

S. kam im Jahr 2001 nach Neuss. In Marokko war er Landwirt, gab er bei seiner Vernehmung zu Protokoll, in Deutschland blieb er ohne Beruf. Auch nach mehr als zehn Jahren im Gastland seien seine Deutschkenntnisse lückenhaft.

Bis zu der Bluttat am Mittwoch war S. kriminalpolizeilich nicht in Erscheinung getreten, Streit mit seiner Sachbearbeiterin hatte er nicht. Sie war, wie die Polizei nach ersten Vernehmungen annehmen muss, ein Zufallsopfer.

Der Neusser mit marokkanischem Pass soll fünf Kinder haben. Der Hartz-IV-Empfänger ist von seiner ersten Frau geschieden und lebte zuletzt mit seiner Lebensgefährtin in einem Mehrfamilienhaus des Neusser Bauvereins an der Alemannenstraße: außen roter Klinker, drinnen kahle und düstere Flure — und 45 Klingeln an der Haustür. Die meisten der Bewohner in diesem Hochhaus kennen gerade einmal ihren direkten Nachbarn, sonst niemanden. Es ist ein Ort der Anonymität. "Hier leben alle so isoliert. Ich bin froh, wenn ich hier wegkomme", sagt eine Nachbarin.

Beim Neusser Bauverein heißt es, die Miete für die Wohnung von S. sei immer pünktlich gekommen. Bis auf eine einzige Beschwerde gab es keinerlei Auffälligkeiten.

Hier geht es zur Bilderstrecke: November 2012: Mord im Neusser Jobcenter - Täter in Haft

(NGZ/ac)
Mehr von RP ONLINE