Heile Welt Festival lockt mehr als 1000 Besucher an

Neukirchen-Vluyn: 1600 feiern beim Heile Welt Festival

Es war, als tanze eine große Familie am Fuße der Halde Norddeutschland zu elektronischer Musik. Zum zehnten Mal blieb es eine heile Welt: Den schwersten Unfall konnten die Sanitäter mit Bibi-Blocksberg-Pflastern behandeln.

Sie hat kein Megafon, doch ihre Stimme ist laut und durchdringend. Leon (23) und Philipp (24) springen von ihren Fahrrädern. „Stop, Stop!“ Das ist die Sicherheitsmitarbeiterin (55). Leon hebt die freie Hand, als würde er sonst festgenommen. Aus der Ferne sind schon die dröhnenden Bässe zu vernehmen, elektronische Musik – House. Deshalb sind die beiden jungen Männer aus Moers überhaupt zum Fuß der Halde Norddeutschland gekommen: Sie wollen zum Heile Welt Festival, doch hier geht es nicht weiter. Sie müssen die Fahrräder abstellen und den restlichen Kilometer zu Fuß zurücklegen. Leon und Philipp seufzen, sie wollen doch nur tanzen.

Und zwar schnell: Das Heile Welt Festival besucht man nicht, um sich zu unterhalten. Da bebt der Boden, da stampfen junge Männer mit Turnbeuteln auf dem Rücken im Viereck, da verausgaben sich Männer jenseits der 50, einer in alten neongelben Turnschuhen und verwaschenen Hosen, zu Techno-Beats. Da springt ein Mädchen auf den Rücken ihres Freundes, beide kippen nach vorne – blutige Stirn, aufgeschürfte Schulter. Und da macht Patrick Bruder (41) aus Nieukerk tatsächlich eine kurze Tanzpause, um seiner Partnerin Eileen Petrusch (25) ins Ohr zu schreien: „Die jungen Leute ballern sich hier doch alle weg. Die wollen doch gar nichts von dieser Welt mitbekommen!“ Die beiden sehen sich um. Einige Meter weiter verheddert sich ein Mann, Ende dreißig mag er sein, beim Tanzen immer weiter in gelben und weißen Kreppbändern.

Ob Philipp und Leon nachher Patrick Bruders Worte bestätigen werden? Zumindest haben sie sich vorgenommen: „Wir überstehen den Abend ohne Verletzungen!“ Das sagen sie, als sie den Rettungswagen sehen, der am Seitenstreifen parkt. Die beiden trennen nur noch wenige Meter vom Festivalgelände. Dass sie von der Sicherheitsmitarbeiterin angehalten wurden, hat ihre Stimmung nicht getrübt. Warum das passiert ist, verstehen sie allerdings nicht: „Wir sind doch in Lichtgeschwindigkeit an ihr vorbeigefahren, so schnell ist doch niemand“, sagt Leon. Philipp zuckt mit den Schultern: „Wenn wir noch länger laufen müssen, bin ich wieder nüchtern.“ Leon sprintet los. „Da ist die heile Welt doch schon“, ruft er.

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Marika Rossas zitternde Beats erwarten sie schon. Die Ukrainerin legt gerade auf der Techno-Stage auf. Philipp und Leon verschwinden in der Menge. Vielleicht holen sie sich etwas zu trinken. Der Weg war lang. Und auch wenn sie hier nicht die Einzigen sind, die sich um ihre Promille sorgen, bleibt alles friedlich. Veranstalter Tobias Schladitz, der den Abend entspannt über das Festivalgelände gewandert ist, muss sich jetzt lediglich um aufdringliche Fans kümmern. „Die wollen unbedingt ein Foto mit Marika Rossa, aber das geht natürlich nur mit ihrem Einverständnis und garantiert nicht während des Gigs“, sagt er, und muss nun auch in der Menge verschwinden.

Die heile Welt bleibt friedlich. Patrick (33) und Sebastian (34) aus Krefeld beobachten sie eine Weile vom Rand des Geländes aus. „Hier wirst du keine tiefgehenden Freundschaften oder Beziehungen eingehen, hier bleibt alles oberflächlich“, sagt Sebastian, und legt seinem besten Kumpel kurz die Hand auf die Schulter. „Das muss ich hier auch gar nicht finden, so einen Freund habe ich in Patrick, der auch für mich da ist, wenn die Welt alles andere als heil ist.“ Ob die Welt für das junge Paar, das sich beim dem unglücklichen Sprung verletzt hat, friedlich bleibt, ist fraglich. Vielleicht hilft das Foto, das der junge Mann seiner Freundin schickt, als sie schon zu Hause ist. Darauf trägt er zwei pinkfarbene Bibi-Blocksberg-Pflaster über der Wunde auf seiner Stirn. Die hat er von den Sanitätern bekommen. Sollten sich Leon und Philipp sich doch noch verletzen, sie wären in den besten Händen.

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